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Richard Dehmel
Lebensblätter
. 1. Auflage 1895
Vermählung
"Ich möchte die Flamme umarmen."
Aus schwerem Schlaf
in stiller Nacht
weckte mich dies Wort;
ich weiß nicht, wer es sprach;
Stimme, wer bist du?
Nackt, mit bettelnden Fingern,
weiten Armen,
mit Weibesbrüsten,
ein irrer Mund,
flehst du aus der Nacht
die große stralende Flamme an;
weg! sie brennt!
Trunken naht dein grauer Blick,
schwelt;
um die klare Glut
mit beiden Knieen
schlingst du toll dein hitziges Fleisch.
Weib: so nicht!
Kalt, aufrecht seh ich
in dein rauchschwarz flackerndes Haar
die lichte Lohe fassen,
dich verzehrend;
rein und ruhig
steigt die feurige Säule
aus der kurzen Beschattung
mit dir auf;
Stimme, so, nun darfst du
- jauchze - die Flamme umarmen.
Richard
Dehmel . 1863 - 1920
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