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Richard Dehmel
Schöne
wilde Welt . 1. Auflage 1913
Vogel Greif
Ballade
Mein Flieger, mein kühner, wo gehts heut hin?
"Hoch über die Wolken, schöne Gönnerin;
höher als höchste Alpenspitzen
soll mein Fahrzeug durchs Weltblau blitzen."
Vogel Greif heißt dein
Fahrzeug? "Vogel Greif;
heut soll er den Sieg mir
greifen."
Du kühner, du stolzer, dann nimm mich mit!
Und sie sprang in den Sitz mit straffem Schritt.
Nur an ihrer Brust das Blumensträußchen
zitterte wie ein gefangnes Mäuschen,
als sie sich lachend den
Wetterpelz
um die schlanken Hüften
legte.
"Du kühne, du schöne, wirf weg den Strauß!
leicht fliegt ein Blumenblättchen heraus;
ein einziges Blättchen ins Flugwerk verschlagen
kostet uns beiden Kopf und Kragen."
Und während der Vogel
Greif knatternd stieg,
kobolzte der Strauß in
ein Kornfeld.
Viertausend Meter stieg er und mehr,
eisig kreiste das Weltblau um sie her;
aus stürzenden Wolken in sausendem Bogen
stiegen sie lachend, lachend, und flogen,
bis die Erde ein fernes
Fabelland war,
Vogel Greif - da stockte das
Flugwerk.
Da stockte das Lachen; nur's Steuer noch klang,
schrill das Steuer im Gleitflug-Sturmgesang.
Durch sausende Wolken in stürzendem Bogen
glitten sie keuchend, keuchend, und flogen,
bis die Erde schon fast wieder
Erde war:
"Vogel, greif! Da knackte
das Steuer.
Wie vor zwanzig Minuten der Blumenstrauß
kobolzten sie aus dem Wrack hinaus,
hinaus, umklammert in wirbelndem Kreise
mit fliegenden Haaren zur letzten Reise;
du kühner! du kühne!
klangs geisterleise
auf ins eisige Weltblau.
Und als man sie fand, er atmete noch,
im Todesfiebertraum sah er hoch,
hoch über die Wolken und hauchte: siegen -
morgen werden wir höher fliegen -
morgen -
höher - -
Richard
Dehmel . 1863 - 1920
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