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Alfons Petzold
Der
Dornbusch . 1. Auflage 1919
Die Kirche
I
Ihre Steine träumen aus modernder Not
in die Wolke Vergänglichkeit empor.
Brandstöße umsäulen das mächtige Tor,
aus dem jahrtausend altes Hassen droht.
Ihr reicher Purpur und das Gold sind tot,
schenken kein Leuchten, denn der schwarze Flor
der Priesterlüge schiebt sich dunkel vor,
und aller Prunk, verwesend, wird zu Kot.
Erstarrt im wilden, gärenden Gedränge
dieser Tage, die voll Werden sind,
ragt sie aus morschem, alterndem Gepränge
gleich einem Greise, der gelähmt und blind,
manchmal sich wegtäuscht Siechtum, nahes Sterben
und fluchbesudelt seine starken Erben.
II
Der Gott dort drinnen ist der letzte Hauch
aus einem Munde, der im Todesbeben
nach Mitleid schrie; kann dieser Gott mir auch
nur eine kleine Stunde Gnade geben?
Nein, er ist gnadenärmer wie der Stein,
aus dem sein starres Angesicht gehauen,
und alle, die vor ihm nach Liebe schrein,
sie werden nie das Licht der Erde schauen;
denn dieses ist nicht in dem Goldgelaß
auf des Altares Stufenbau zu suchen,
umschwebt vom düsterbleichen Kerzenstrahl.
Viel tausend Jahre alter Priesterhaß,
verwandelt hier das Beten in ein Fluchen
und macht das reichste Wort zur armen Qual.
III
Da strebt in einem stolzen Himmelswurfe
der hohe Dom der Kirche schlank empor,
indes in einer kühnen, weiten Kurve
zwei Bogen bauen ein gewaltig Tor.
Die armen, unerhörten Beter schleichen
ins Licht der Sonne durch des Tores Schlund
und senken ihrer armen Wünsche
Leichen wie tote Kindlein in des Glaubens Grund.
Und jeder Tag sieht immer noch dasselbe
Bild dieser Menschen, denen nur das gelbe
Altarlicht strahlt in ihrem dunklen Land.
Indes ob ihnen auf das Domgewölbe
und auf des Chores äußerliche Wand
die Sonne legt die schöpferische Hand.
Alfons
Petzold . 1882 - 1923
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