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Alfons Petzold
Der
Dornbusch . 1. Auflage 1919
Traumhansl
Man lachte den Hansl immer aus,
Verhöhnte sein Tun und Treiben,
Er blieb des Abends immer zu Haus'
Und wollte nur lesen und schreiben.
Die schönsten Mädchen in der Fabrik,
Ihm schienen sie zu geringe,
Und Kartenspiel, wie Tanzmusik
Waren ihm greuliche Dinge.
Er machte die Arbeit genau aufs Haar,
Doch klang die Feierstunde,
Er einer der ersten beim Tore war,
Blieb länger nicht eine Sekunde.
Er lief nach Hause, als jagten ihn tot
Des Abends graue Gespenster,
Verschlang seine Wurst oder Butter und Brot
Und saß bei den Büchern am Fenster.
Da las er in Goethes heiligem Faust,
Erlebte Heines Gedichte,
Und wie der Mörder Krieg gehaust
Erzählte die Weltgeschichte.
Und las von dem Übermute der Herr'n
Und von dem Rechte der Sklaven....
Wie einst mit Keule und Morgenstern
Die Bauern die Herren trafen.
Und wie man alle Sehnsucht nach Licht
In düstre Kerker versenkte.
Er las das herrlichste Freiheitsgedicht,
Den Tell, den Schiller uns schenkte.
Ihn machte das Lesen nimmer müd',
Der Geist war erdenferne.
Er las noch, wenn am Himmel verblüht
Waren die Blumen der Sterne.
Tagsüber dann in der Fabrik
Stand er mit seliger Miene
Und träumte von einem hohen Geschick
Beim dröhnenden Gang der Maschine.
Während die andern mit müdem Sinn
Über ihr Elend sannen,
Sah er über die Erde hin
Neue Himmel sich spannen.
Traumhansl neckten ihn alle Leut',
Es lockten die Mädchen, die Flasche,
Er aber wurde nie gescheit
Und - hatte das Glück in der Tasche.
Alfons
Petzold . 1882 - 1923
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