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Alfons Petzold
Der
Ewige und die Stunde . 1. Auflage 1912
Der Sternentänzer
Ein Felsplateau, grauschroffig aufgewuchtet,
Ich auf dem Pfad, der gemseneng gebuchtet
Vom Steingerölle beiderseits umsäumt
Zur Höhe führt, auf der ein Schneefeld träumt.
Aus dumpfem Land der Menschen aufwärtssteigend
Klimm ich zur Höhe, wo, in Schönheit schweigend,
Der Einsamkeit furchtbare Majestät
Mit ihrem Gotteshauche mich umweht.
Das Ziel erklommen. Ungeheure Weite
Kreist vor den Blicken schreckhaft ins Gebreite,
Tief unter mir graudumpfes Wolkenland,
Das Feld und Fels mit Haß und Hohn umspannt.
Soweit ich in die Ferne spähe, grenzen
Mich Berge ein, steinerne Scheitel glänzen
Vom letzten Sonnensegen überflammt,
Indes ihr Fuß in Nacht ist eingerammt.
Hier will ich rasten, angesichts der Größe.
Das Schweigen tönt: Mensch bete, daß sich löse
Von dir der Bann der steinerstarrten Stadt,
Die noch dein Herz in ihren Mauern hat.
Die Qual der Stadt, die du heraufgetragen,
Sie soll dir nie dein Tun mehr überragen
Und es verbergen vor dem Blick der Welt,
Stürz sie hinab, daß sie in Nacht zerschellt. -
Licht krönt mein Haupt, die Augen trinken Helle,
Die harten Hände greifen in die Quelle
Des Lebens, das nun selig überquillt
Und alle Lichtersehnsucht in mir stillt.
Da - will mir wieder Dunkelheit erstehen?
Die farbigen Schleier alles Lichts zerwehen,
Dem Norden zu, über des Gletschers Rand,
Droht kalte Nacht mit ihrer Riesenhand
Und greift herüber - weh! sie will mich fassen,
Zurück gewinnen mich der Qual, dem Hassen,
Ich fühle eisigschwer die Hand der Nacht,
Da flammt mir auf ein Stern in hoher Pracht.
Ein zweiter blinkt. Nun steigen all die andern
Hellfunkelnd auf, ins Ewige zu wandern.
Ich bin umwogt von heiligen Lebensfluten,
Die kurz vorher in dunklem Weh noch ruhten.
Ich reihe mich zum Tanze mit den Sternen
Und wiege mich empor zu Lichterfernen,
Kein Menschenstaub von dieser Erde mehr,
Selbst ein Gestirn im blauen Sternenheer!
Alfons
Petzold . 1882 - 1923
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