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Alfons Petzold
Einkehr
. 1. Auflage 1920
Gott und der Wanderer
I.
Und Gott lieh ihm sein Licht und sprach: "Bedenke,
Daß ich unsteter wie die Sterne bin!"
Da spürte er in jeglichem Gelenke,
Den Zwang zu wandern durch das Dunkel hin.
Er nahm den Stock und band sich die Sandale
Fest an die Füße, warf den Mantel um,
Schritt aus der Lauten Kreis mit einemmale,
Ließ nur zurück ein staunendes: Warum?
So wie ein Kind, von Lüge lang betörtes,
Trat er entzückt aus dem gewohnten Raum
Und auf einmal war ihm ein unerhörtes,
Seltsames Wunder jeder Strauch und Baum.
Die Steine vor ihm leuchteten wie Perlen,
Die Wolken sangen ihm wie Vögel zu,
Und aus dem Straßensaum vergrauter Erlen
Klang es hervor: Geliebter Bruder, du!
II.
Und wieder sprach die Stimme Gottes: "Wisse,
Nun gab ich dir die Lust zur Wanderschaft,
Auf daß du aus der ärmlichsten Melisse
Einatmen durftest meines Wissens Kraft.
Auf daß du fühltest, daß es keine Ferne,
Als die in unserm eignen Herzen gibt,
Und daß nur Täuschung dir die höchsten Sterne
Ins unerreichte Land der Sehnsucht schiebt.
Die Nähe durch die Ferne zu erringen,
Ist alles Wanderns tiefster Daseinssinn!
So kehre wieder heim zu deinen Dingen
Und sei voll Sehnsucht wie im Anbeginn."
Alfons
Petzold . 1882 - 1923
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