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Arthur Fitger
Requiem
aeternam dona ei . 1. Auflage 1894
Ich hatt' einen Mantel wunderschön,
Durch Sturm und Schauer des Lebens zu gehn;
Das Zeug - Gott weiss, wie viel Ellen weit -
War lauter gediegene Weltweisheit;
Mit dem Pelz der Tugend war er gefüttert,
Mit allen sechs Künsten reich beflittert,
Vom theuersten Schneider war er gemacht;
Wie protzt' ich einher in der prächtigen Tracht!
Da kam des Weges mir überquer
Coeur-Dame, die junge Königin her.
Und die Strasse war viel zu schmutzig und rauh
Für die Sohlen dieser bezaubernden Frau;
Und ich breitete schnell über Koth und Pfützen
Den Mantel, die seidnen Pantoffel zu schützen;
Und sie lächelte Dank. Noch bin ich entzückt
Und berauscht und beseligt und toll und verrückt.
Mein schöner Mantel ist freilich perdü;
Und die theuer erkaufte Philosophie
Und die warme Tugend, die hübsche Verzierung,
Sie spotten jeglicher Reparierung.
Nackt steh' ich wieder im schnaubenden Frost;
Wie wirbeln die Flocken, wie heult es im Ost!
Ich fühl' in der Brust so verzehrenden Schmerz,
Als würfe sich mir Rheumatismus aufs Herz.
Arthur
Fitger . 1840 - 1909
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