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Hermann von Lingg
Schlußsteine
. 1. Auflage 1878
Die Propheten
Wo Geschicke niedertreten,
Gönnen Stimme dem Propheten
Strahlen ew'gen Gnadenborns
In den Pausen ihres Zorns.
In dem bangen Zwischenraume,
Zwischen Blitz und Donnerschlag,
Weckt die Schläfer aus dem Traume
Eine Stimme vor dem Tag.
Doch es dünkt verhaßt dem Volke,
Wenn zur schwarzen Wetterwolke,
Die ob seinem Haupte schweigt,
Warnend der Prophet ihm zeigt.
Wie es grollt und auf den Rücken
Sich die Hände binden läßt!
Wie es eilt sein Joch zu schmücken,
Wenn die Schande wird zum Fest!
Während der, der ihm gebietet,
Unten heimlich Ketten nietet,
Wirft's ihm, ein gefüger Knecht,
Gläubig hin sein letztes Recht;
Daß ins eig'ne Herz es ziele
Wird es nur zu bald gewöhnt,
Jauchzend zu dem Possenspiele
Das sein Heiligstes verhöhnt.
Erst, wenn's seinem letzten Streiter
Auf den Holzstoß warf die Scheiter,
Und ans Kreuz den Letzten schlug,
Der ihm noch das Banner trug,
Dann erst schafft sich sein Gewissen
Endlich Luft in blinder Wuth,
Und der Seher wird zerrissen,
Und erstickt das Wort in Blut.
Setzt euch zu den Aschenkrügen,
Wenn ihr wollt entfliehn den Lügen,
Zu den Weiden setzt euch hin,
Wenn ihr wollt der Schmach entfliehn.
Eh' die Schmiede mit den Ketten,
Eh' die Henker fertig sind,
Wird kein Warnruf euch erretten
Und die Blinden bleiben blind!
Hermann
von Lingg . 1820 - 1905
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