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Hermann von Lingg
Schlußsteine
. 1. Auflage 1878
Hermelin
O Kind des Reichen, dem die Locken
Die Hand der Liebe schmückt und pflegt,
Vor deinem Fenster tanzt in Flocken
Der helle Schnee, vom Sturm gefegt.
Blick nicht so finster! Alle Kleinen
Erfreut der erste Schnee, und du -
Als wolltest du darüber weinen,
Schaust trüb dem wilden Spiele zu.
Du scheinst so ganz in dich verloren,
Als fühltest du ein inn'res Graun,
Und bist so reich, im Glück geboren,
Gewohnt nur Reiz und Glanz zu schaun!
Gehorchen dir nicht Dienerinnen,
Und schmeichelt dir nicht Aller Mund?
Du schläfst auf seideweichen Linnen,
Dich kost, wenn du ihn schlägst, dein Hund.
Indem du ins Gewühl der Gasse
Hinunterblickst, ach sag', ob dich,
Von all der Müh', der Hast, dem Hasse
Ein Ahnen doch vielleicht beschlich?
Ja kosten wird dich's schwere Gänge,
Trittst du hinaus einst, hochgesinnt,
Wo dich der Erde roh Gedränge,
Der Kampf ums Dasein dich umspinnt.
Bis du die Höhen wirst erreichen
Gereifter Duldung, hart genug,
Wird mancher Stolz in dir erbleichen,
Und schmerzlich mancher Selbstbetrug!
Wenn du die Frechheit siehst, das Gleißen -
Im Menschen, dir zum Herzeleid,
Die Bestie siehst, und wenn sie reißen
In Fetzen dir das bunte Kleid:
Wenn trotzdem Mitleid und Erbarmen
Dich nicht verlassen soll, wenn einst
Du nicht verachten sollst den Armen,
Wenn du die schönsten Thränen weinst,
Dann fühl' auch und erkenn' es dankend,
Daß oft in Zweifel und Gefahr,
Wenn du schon gingst am Abgrund wankend,
Der Reichthum noch dein Retter war.
Hermann
von Lingg . 1820 - 1905
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