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Hermann von Lingg
Schlußsteine
. 1. Auflage 1878
Im Kloster Obermarchthal
December 1848.
Vom Klostergarten aus, an dessen Bäume
Sich statt der Blüthen im December jetzt
Schneeflocken hell und duftig angesetzt,
Blick ich hinab in weite Thälerräume.
Durch leichte Nebel glänzt die Sonne schwach,
Die Donau, brechend ihr krystall'nes Dach,
Furcht ihren Weg, begrenzt von Felsenhügeln,
Die sich umsonst in stolzem Trotz bemühn,
Den sichern Lauf der Eilenden zu zügeln;
Sie drängt sich durch auf raschen Wellenflügeln
Und schenkt den Ufern ringsum noch ein Grün.
O möge jede Brust, die stolz und kühn
Durch Kämpfe Bahn sich bricht, nach segensreichen
Erfolgen so den schönen Sieg erreichen.
Hier schritt der Mönch einst mit gesenktem Haupte
Im Ordenskleid, so weiß wie dieser Schnee,
Um Wünsche, längst im Lebenssturm entlaubte,
Schlang sich ein längst schon ausgeblutet Weh.
Allein, wenn auch in seinen Seelentiefen
Der Liebe Fluthen lang und spurlos schliefen,
Des Herrschens ungezähmt're Leidenschaft
Blieb um so mehr in ihrer ganzen Kraft.
Die Glocke mit dem Tiefklang ihrer Töne,
Des prächtigen Gebäudes strenger Stil,
Verkünden laut, nicht um ein müßig Spiel
Bewegten sich einst dieses Ordens Söhne,
Ihr Leben war kein müheloses Schlendern,
Ihr Ziel war hoch, allein ihr Reich zerfiel.
Es ist dahin, ein neuer Geist betrat
Die Welt mit seiner Lehre Feuerspendern
Und gab der Freiheit ungeheure Saat,
Aus der emporwächst jede neue That.
So welken nicht Geschlechter nur - ihr Geist
Sogar erliegt zuletzt dem Untergehen,
Gedanken, schon erloschenen, verheißt
Kein Himmel wieder Auferstehen;
Die Blume nur, und nur eine, sie erneut
Mit jedem Mai sich und Jahrhundert wieder,
Was seit Homer schon unser Herz erfreut,
Die Liebe, jene Sterne, Wein und Lieder.
Hermann
von Lingg . 1820 - 1905
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