
 162 Bücher
|
Rudolf Presber
Aus
Traum und Tanz . 1. Auflage 1908
Das Purpurboot
Der Abend sank. Auf kiesbestreuten Wegen
Ging suchend ich durch letzte Gräberreihn.
Da trat ein schlanker Engel mir entgegen,
Auf seinen Locken ruhte gold'ner Schein;
Von weißem Flor den schlanken Leib umflossen,
Wie er auf meiner Liebsten Hügel stund,
Vom Abendrot die Schwingen übergossen
Und sanfte Frage auf dem Marmormund:
Was trägst du, Gramgebückter, zu den Toten
Die frischen Kränze und das alte Weh?
Sie fahren längst in purpurdunklen Booten
Auf gold'ner Wolken leichtbewegtem See.
Was haderst du aus deines Alltags Gassen,
Durch die der Wind den Staub der Erde fegt?
Sie wissen nichts von dem, was sie verlassen;
Sie wissen nichts von dem, was dich bewegt.
Erloschen sind in ihrer Brust die Brände.
Im Haar den Kranz von Mohn und auf das Knie
Gelegt die stillen, kalten, blassen Hände,
Im sterngeschmückten Nachen schaukeln sie.
Und ahnen nicht, daß noch im Fleisch ein Bruder
Angstvoll das Ohr an ihre Stille drängt;
Daß an des Geisterbootes leichtem Ruder
Die schwere Last noch seiner Tränen hängt.
Sie wissen's nicht, daß fromme Pilger wallen
Zum blütumrankten, schlanken Aschenkrug,
Darin zu Staub ihr armes Kleid zerfallen,
Das tief dort unten ihre Seele trug.
Seit jener Stunde, da sie abgeschieden
Und du das Kreuz zu Häupten hast gestellt,
Klingt in die Fahrt durch ihren Himmelsfrieden
Kein Seufzer mehr, kein Echo dieser Welt.
Dort geht dein Weg! Hörst du die Glocken beben?
Noch halten dich die grauen Mauern nicht -
Mit tausend Händen winkt dir noch das Leben,
Mit tausend Ketten zerrt dich noch die Pflicht.
Dein wartet Kampf und Jubel noch und Klage,
Eh' du das Haupt mit starren Blicken neigst
Und aus der Erde Bett am dritten Tage
Ins Purpurboot des ewigen Friedens steigst!
Rudolf
Presber . 1868 - 1935
|
|