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Rudolf Presber
Aus
Traum und Tanz . 1. Auflage 1908
Die Taube
Sommerstille. - Mit dem leisen
Windhauch weht ein Lindenduft.
Über meinem Haupte kreisen
Zahme Tauben in der Luft.
Schwanken, schwenken und zerstieben,
Und der Himmel schlürft sie ein.
Eine einz'ge ist geblieben,
Flattert noch im Sonnenschein.
Höher -! Fittich nicht noch Köpfchen
Unterscheid' ich mehr genau.
Ein versprengtes Silbertröpfchen,
Funkelt sie im Dunkelblau.
Und sie zieht die hellen Kreise
Durch den stillen Sommertag:
Und sie sucht auf ihre Weise
Ihre Heimat, ihren Schlag.
Eingeborenem Befehle
Folgt ihr scheuer Flügelschwung;
Und in ihrer kleinen Seele
Dämmert die Erinnerung:
Fernab hinter Wald und Dörnern
Liegt ein schlichtes Haus geblockt;
An der Tür hat sie mit Körnern
Eine Kinderhand gelockt ...
Kleine Taube, kleine Taube,
Kommt die Nacht erst, hast du Ruh'!
Eines Dichters frommer Glaube
Sucht den Heimweg oft, wie du.
Und die Sonne hat dem Blinden
Ganz umsonst ihr Licht entfacht -
Und er darf die Heimat finden
In der Nacht erst, in der Nacht.
Rudolf
Presber . 1868 - 1935
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