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Rudolf Presber
Aus
Traum und Tanz . 1. Auflage 1908
Im Nachbarsträßchen ist ein Lädchen
Im Nachbarsträßchen ist ein Lädchen,
Draus mir manch heimliche Freude blühte,
Da stellen frühmorgens lachende Mädchen
In freundlichen Erker die Frühlingshüte.
Hüte mit wehenden hellblauen Bändern,
Hüte mit Veilchen und dunkelen Moosen,
Hüte mit Blumen aus südlichen Ländern,
Hüte mit schüchternen Monatsrosen.
Hüte, wie sie dem sittsamen Mündel
Mag ein sparsamer Vormund besorgen,
Schmal das Bändchen, ein Kirschenbündel
Schlicht an der stählernen Schnalle geborgen.
Hüte, wie sie die modegenarrten
Damen ersehnen, Pariser Grüße:
Ein babylonischer hängender Garten,
Vorn Hyazinthen und hinten Gemüse.
Draußen wirft noch um Säule und Ecken
Sturm die Flocken mit Fauchen und Wüten -
Hinter den Scheiben auf hohen Stöcken
Grüßt mich ein Kranz von Frühlingsblüten.
Und ich raste, gestellt den Kragen,
Hand in der Tasche, davor zu schauen;
Und an alle, die einst sie tragen,
Denk' ich, an hübsche und zärtliche Frauen.
Seh' die Veilchen und Rosen und Ranken,
Lieblich geordnet zu Frühlingsgewinden -
Wird darunter von allen Gedanken
Einer mich suchen und einer mich finden?
Wird von all diesen farbensatten
Kränzen, die mir herüber blinken,
Einer ein gnädiges Lächeln beschatten
Und ein lockendes Augenwinken?
Wird von all diesen lenzigen Blüten
Eine mir heimliche Hoffnung strahlen?
Und von all diesen Frühlingshüten
Welchen, welchen werd' ich bezahlen?
Rudolf
Presber . 1868 - 1935
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