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Rudolf Presber
Und
all' die Kränze ... . 1. Auflage 1911
Der alte Schrank
In meinem Zimmer steht ein Schrank,
Das Glas von zierlichen Leisten umbaut.
Wie hab' ich manchmal sehnsuchtskrank
Durch seine Scheiben hindurchgeschaut.
Die Mutter verwahrte viel Kleinkram darin,
Becher und Tassen und Meißner Figuren,
Großvaters Ringe und Großmutters Uhren -
Alles reizte den Kindersinn.
Sonntags öffnet' sie wohl die Türe
Mit einem Lächeln, gütig still;
Und ich leistet' die höchsten Schwüre,
Daß ich "gewiß nichts zerbrechen" will.
Ach, nur mit zaghaften Fingern zu fassen
Die Schäferinnen, die Becher, die Tassen
Und die Bildchen auf grünem Stramin
Und den Mohren - noch seh' ich ihn! -
Der betreut, ein verschwiegner Kawaß,
Das vergoldete Tintenfaß ...
Gott, wohin sich das alles verlor
Schäferin, Täßchen, Ringe und Mohr - -
Ob das alles so nach und nach
Mit meiner Jugend in Scherben zerbrach?
Ob's, in andere Schränke entrückt,
Staunende Kinderaugen entzückt? ...
Aber der Schrank ist mir geblieben;
Und ich hab' ihn gefüllt mit lieben
Angedenken mancher Arten
Von muntren Reisen und Wanderfahrten:
Aus Malta die klingenden Muschelketten,
Aus Capri geschnitzte Kastagnetten,
Gemalte Kästchen vom schwedischen Fjord,
Ein Gruppenbild mit Kabylen an Bord,
Das schlichte Halsband des Mädchens vom Nil,
Aus Stambul ein Döschen in türkischem Stil,
Ein Reisebegleiter im Schattenriß,
Ein Steinchen von der Akropolis -
Bei schönem Fund viel wertloser Kram,
Den ein sonniger Tag einmal wichtig nahm.
Und zwischen dem allen, als ob ihm gebührt
Der Ehrenplatz seit alten lagen,
Sitzt pudelnärrisch und weiß lackiert
Ein Holzhund, häßlich, nicht zu sagen!
Ein Tier ganz ohne Rasse und Stil,
Ein Nervengreul für jeden Ästheten -
Ich aber lass' ihn nicht höhnen und treten,
Der Kindheit treuesten Gespiel!
Noch trägt er das Halsband rot gestickt,
Das liebe Hand - wie war sie geschickt,
Wie war sie behutsam mit Kindern und Hunden! -
In ferner Weihnacht ihm umgebunden.
Den häßlichen Köter, ich liebt' ihn vor allen,
Auf ihn fiel morgens mein erster Blick,
Auf ihn sind meine Tränen gefallen
Bei jedem kindlichen Mißgeschick.
Ich hielt ihn wie ein beseeltes Wesen
Und habe ihm abends beim Lampenschein
Oft Andersens Märchen vorgelesen -
Die Welt war ein Märchen uns allen zwein.
Sie blieb mir ein Märchen. Mit stillem Dank
Steh' oft ich vor den vertrauten Scheiben
Und sehe mein eigenes Leben und Treiben
Auferstehn in dem alten Schrank.
Ich reit' durchs Gebirge, ich fahr' auf dem Meere,
Ich höre den Wind durch die Pinien gehn
Und sehe der Sterne zahllose Heere
Am tiefblauen Himmel des Südens stehn ...
Und plötzlich lacht meine Kindheit mich an,
Dort sitzt der Holzhund, mein Spielgenoss':
Langlockig, kurzhosig, ein kleiner Mann,
So steh' ich am Schrank, den die Mutter verschloß.
Und was verloren schon Jahr und Jahr,
Das winkt mir zu mit lieber Hand,
Als ob es erst ehegestern war,
Daß es sich losriß, daß es entschwand.
Und all das Verworrene will sich entwirrn,
Es blüht aus dem Schrank, was längst sich verkroch -
Ich press' an das Glas die gefurchte Stirn
Und grüße mein Spielzeug: "Weißt du noch? ..."
Rudolf
Presber . 1868 - 1935
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