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Rudolf Presber
Und
all' die Kränze ... . 1. Auflage 1911
Der neue Polykrates
Zwei Freunde standen auf hohem Schiff,
Das Ufer ging verloren.
Ein muntrer Wind von Osten pfiff
Den beiden um die Ohren.
Da sah der eine den andern an
Mit einem Blick voll Treue:
"Wie bist du doch ein glücklicher Mann,
Das denk' ich immer aufs neue.
Ein jeder Wunsch, der sich dir regt,
Ist nah schon der Erfüllung:
Die Knospe, auf die du die Hand gelegt,
Sprengt augenblicks die Umhüllung.
Du erbtest den Onkel und wandelst nicht mehr,
Dein Brot erschuftend im Joche;
Du reistest zu Land, du fährst übers Meer,
Und dein Bild erschien in der ,Woche'.
Bist g'rad gewachsen und zeitig getauft
Und hast dir dein Schäfchen geschoren,
Und hast die blödesten Aktien gekauft
Und nichts daran verloren.
Und als dir die Liebste entgegentrat,
Dein Werben küssend zu danken,
Da war ihr Vater Aufsichtsrat
Bei siebzehn guten Banken.
Da war sie des Alten einziges Kind,
Wie sie dir errötend gestanden,
War töricht, wie so Mädchen sind,
Und hatte zwei ledige Tanten.
Ich freue mich neidlos, Freund; indes
Ein jeder zahlt die Spesen:
Kennst du die Mär' vom Polykrates,
Der ein König von Samos gewesen?
Weil er verwöhnt ward allezeit
Vom blumenschüttenden Glücke,
Ward Angst ihm vor der Götter Neid
Und vor der Himmlischen Tücke.
Und eh' er Glück und Gold verlör'
Und tief in Not gefallen,
Warf er ein Kleinod fort ins Meer,
Das lieb ihm war vor allen!"
Und als der Treue also sprach,
Umwölkt die Stirn vom Leide,
Da senkte sein Haupt und dachte nach
Polykrates der Zweite.
Das Schiff glitt schon dem Ufer zu
Und freundlicher Mündung des Flusses,
Da sprach er mit der Seelenruh'
Gefestigten Entschlusses:
"Mein Herz, o Freund, ist kummervoll,
Doch will's mir nicht in den Schädel,
Daß ich den Göttern opfern soll
Mein Haus, mein Glück, mein Mädel.
Doch etwas, das mir teuer war,
Ergreif' ich mit den Händen,
Auf daß solch Opfer die Gefahr
Von meinem Haupt mag wenden.
So höre dieses kluge Wort,
Das mir der Himmel geraten:
Ich werfe dich mal über Bord -
Hilft's nichts, so kann's nichts schaden!"
Rudolf
Presber . 1868 - 1935
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