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Rudolf Presber
Und
all' die Kränze ... . 1. Auflage 1911
Im Trinkzimmer
Ein Winkelchen in meinem Haus,
Das füllen Kannen und Krüge aus:
Die hab' ich mir dankbar aus fröhlichen Tagen
Hier im Trinkeck zusammengetragen.
Jeder kennt noch im eigenen Ton
Eine Geschichte und - schweigt davon.
Dieser hier ging in festlicher Stunde
Sangumdonnert durch fröhliche Runde.
Jenen hat mit ermattender Hand
Ein vom Tod schon Berührter umspannt.
Hier der Schlanke - mit seligen Schauern
Denk ich's - ein Fürst steht er unter Bauern:
Als es ein allerschönstes Mal
Frühling gewesen im Neckartal,
Haben schwellend im Übermut
Mädchenlippen an ihm geruht,
Haben ihn ungern abgesetzt - -
Gott, wo trinken, wo dürsten sie jetzt!
Jeden hab' ich, das Leben zu loben,
Einmal gefüllt und einmal gehoben,
Scheltet sie nicht mir gläsernen Plunder;
Gute Gesellen sind mir darunter,
Und die Schweigenden wissen von mir
Mehr als mein Schreibtisch und Beßres als ihr.
Ein Knopfdruck - es leuchtet das Licht von der Decke.
Und siehe, es grüßen aus dämmriger Ecke,
In schwarzen Bildchen zierlich gereiht,
Die fröhlichen Söhne vergangener Zeit.
Sie ordnen zum Fries sich, sie laufen in Ketten,
Kunstfertig geschnittene Silhouetten:
Schlankgliedrige Herrchen, jungfrohe Profile
In Rahmen im Biedermeierstile;
Flaumbärtige Burschen, gereckt und bewußt,
Ein farbiges Band um die tiefschwarze Brust,
Und unter jeder gewicht'gen Person
Steht: " ... seinem lieben ..." - die Dedikation.
Und jeder, der hier seinen Gruß unterschreibt
Dem Bild, hat mit meinem Vater gekneipt;
Hat mit ihm gesungen und mit ihm gelärmt,
Für Heine und Victor Hugo geschwärmt,
Jean Paul gelesen und Goethe verehrt,
Hat Theodor Vischer und Uhland gehört.
Und all dies Wachsen in Leid und Streit
Und all dies Stürmen in Fröhlichkeit,
Längst eh' mir ins Auge strahlte der Tag,
Längst eh' ich blinzelnd im Wieglein lag.
Sind alle zu Würden und Ehren gekommen
Und haben alle schon Abschied genommen -
An Neckar und Mosel, an Lahn und Main,
Da werden wohl ihre Gräber sein ...
Ich bin ein seltsamer Kauz und Tor,
Ich lieb' an den Wänden den Schattenchor.
Und selten, selten, daß ich's vergaß:
Ich hebe heimlich das erste Glas
Und grüße durch friedliche Stille der Nacht,
Die meinem Vater den Becher gebracht.
Und denke: was er erlebt' und erlitt,
Klingt leise durch meine Stunden mit,
So mag manch Lachen und fröhliches Wort
Und Gang und Trinkspruch von jenen dort,
Ohn' daß ich sie je mit Augen gesehn,
In meinen Tagen auferstehn ...
Rudolf
Presber . 1868 - 1935
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