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Rudolf Presber
Und
all' die Kränze ... . 1. Auflage 1911
Trüber Abend
Mein Bruder starb, da ich ein Knabe war.
Noch schau' ich ihn: kastanienbraunes Haar,
Gewellt am Scheitel, frisches Wangenrot,
Das jede Freude leicht ihm übergossen;
Flaum noch der Bart und kleine Sommersprossen ...
Ein lieber Kerl - ein Menschenalter tot!
Er ging zum letztenmal mit Sporenklingen.
Noch von der Treppe schwebt' sein muntres Singen,
Der Säbel schleppte über Holz und Stein;
Ich höre noch die Haustür knarr'n und schlagen -
Es war in kalten, schneebeladnen Tagen.
Noch stand der Weihnachtsbaum - und ich war klein.
Ich kannte seine Pläne nicht, noch Ziele.
Er war mir Tischgenosse und Gespiele;
Ich liebt' sein Lachen, seinen blauen Blick,
Den guten Augenblitz, der längst verglommen ...
"Grüß mir die Eltern, wenn sie wiederkommen" ...
Er küßt' mich, ging und - kehrte nie zurück,
Viel älter, als er war, bin ich geworden;
Sah von der Welt, von fremder Meere Borden
Mehr, als sein Traum sich träumte; baut' mein Haus
Auf fremdem Boden, den er nie beschritten;
Hab' Leid, das er nicht ahnte, durchgelitten,
Und zog blutrote Blumen mir daraus ...
Doch wenn am Abend meine Träume irren
Um tote Tage, liegt's wie Sporenklirren,
Wie Säbelschleppen mir im müden Ohr,
Als ging' ein Suchender wohl drauß' am Zaune,
Als legt' er jetzt die Hand, die junge braune,
Schon auf die Klinke an dem Gartentor.
Ich späh' hinaus - ich kenn' die Abendlüge!
Die Sehnsucht bildet mir geliebte Züge,
Die längst die Erde deckte und zerriß.
Von muntren Lippen, die der Wurm zerstörte,
Klingt's wie ein Ruf, den meine Jugend hörte
Und niemand kennt, durch Nacht und Finsternis.
Und traurig leg' ich in den Wind die Worte:
"Du irrst. Ins Leben führt die kleine Pforte;
"Dein Recht ist Schlaf, die Erde dein Quartier.
"Fremd blieb dir alles um den Spielgenossen;
"Er kämpft in Unrast, du hast abgeschlossen.
"Tritt nicht herein - er kommt ja bald zu dir" ...
Rudolf
Presber . 1868 - 1935
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