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Media in vita
162 Bücher



Rudolf Presber
Media in vita . 1. Auflage 1902



Alte Briefe

Dukaten hat der Händler ihr geboten
Für die vergilbten Briefe ihres Toten.
Ein klein Vermögen. - Wo der Schach'rer nur
Von ihrer Not und ihrem Schatz erfuhr,
Den sie nach jüng'rer Weiber list'ger Art
Manch ein Jahrzehnt nun schon im Schrein bewahrt?

Und heute, weil sie hungerte und fror,
Weil sie zur Arbeit Mut und Kraft verlor,
Weil ihr im Fieber heiß die Augen brennen,
Soll sie vom Einz'gen, was sie liebt, sich trennen;
Soll sie das Letzte aus den Händen geben,
Was sie mit Glück verbindet noch und Leben...?
Mit Glück und Leben...? Ach, ihr kurzes Glück
Liegt weit, weit, wie ein Kindertraum zurück!

Und doch, wenn Sonntags sie vom Kirchgang kam,
Das Zimmer schloß und aus dem Schreine nahm
Die gelben Blätter, Gott und Welt vergaß
Und in den alten, lieben Sünden las -
War sie nicht jung dann? War sie glücklich nicht?
Zerflossen nicht im alternden Gesicht
Die Sorgenfältchen? Glänzte nicht ihr Haar
In schwarzer Fülle weich und wunderbar?
Und wölbte sich die Brust nicht jung und rund,
Und bebt' und zuckte nicht der frische Mund,
Als habe er nach glühendem Umfassen
Sein heimlich Lieb jetzt aus dem Arm gelassen?...

Dukaten hat der Händler ihr geboten
Für jedes gelbe Blatt von diesem Toten.
Es war ein "hoher Herr". Was lag daran!
Sie sah ihn nicht um seine Hoheit an;
Und was die Welt an Ehr' ihm gab und gibt,
Sie weiß es nicht - sie hat ihn nur geliebt.
Und wenn sie lauschend ihm am Munde hing,
Wie hohe Gnaden Wort und Blick empfing,
War er ihr Herr, ihr einz'ger König gar -
Was kümmert sie's, was er den andern war!

Ob er daheim im Sessel von Damast
Für Reich und Krone den Entschluß gefaßt;
Ob er, umbuckelt vom Lakaientroß
Auf Marmortreppen stieg zum Ahnenschloß;
Ob er im Kampf um kleinlichen Bedarf
Der Tagesnot die Brust entgegenwarf;
Ob, wenn die Nacht ihr schwarzes Banner schwang,
Sein einsam Licht aus der Mansarde drang -
Ob er verarmt, ob er vom Glück begabt,
Was galt das ihr - sie hat ihn lieb gehabt!...

Dukaten hat der Händler ihr geboten
Für jedes gelbe Blatt von diesem Toten,
Was sind ihm diese Blätter wohl -? am Ende
Menschlicher Schwäche selt'ne Dokumente,
Schmutzig Papier mit krausen Federzügen,
Die glücklich jubeln und von Zukunft lügen...
Ihr aber sind sie Leben, Fleisch und Blut,
Seit seine liebe Hand darauf geruht.
Sie schaut die Züge, die bekannten, lieben,
Sie hört ihn reden, was er nur geschrieben,
Sie hört sein Lachen, seinen Gang und Schritt
Aus dem Papier - was will der Fremde mit?
Ja so! Auf ihn, der sich ihr anvertraut,
Hat Neid und Staunen einer Welt geschaut.
Sie haben alle Winkel ausgespürt,
Wohin ihn Neigung je und Pflicht geführt;
Und der den letzten Winkel kennen will,
Der steht - zu spät - vor ihrer Türe still
Und bietet ihrer Armut, ihrer Not
Für den verrauschten Traum der Liebe - Brot!

Dukaten hat der Händler ihr geboten
Für die vergilbten Briefe dieses Toten.
Damit die müß'gen Gaffer alle lesen,
Daß sie einst jung, schön und geliebt gewesen,
Und daß der Mann, des Zorn die Welt bewegt,
Sein müdes Haupt in ihren Schoß gelegt:
Daß alle Wünsche seiner stolzen Brust,
Die heimlichsten, sie längst voraus gewußt;
Daß Schwarzen Adler sie und Goldnes Vließ
Durch ihre Finger spielend gleiten ließ,
Wenn er, vom Tanz erschöpft und faden Reden,
Zu später Stunde bei ihr eingetreten
Und sie geküßt, geherzt in wilder Glut
Und im Verlangen dann und Übermut
Dort auf dem Schränkchen zwischen bill'gen Vasen
Die kleine Lampe plötzlich ausgeblasen...

Die kleine Lampe!... Sieh, sie brennt noch heut'!
Und wo sie sanft ihr mattes Licht zerstreut,
Steht jetzt die Alte, löst die blasse Schnur
Vom Päcklein Briefe. Einen einz'gen nur
Liest sie noch einmal. Ihre Lippen beben.
Mit diesem Brief begann dereinst ihr Leben!
Er trug kein heißes, niedriges Gelüst,
Er hat sie mild und zärtlich wach geküßt.
Wie viele folgten mit der Krone Zier,
Der Namenlose blieb der Liebste ihr!
Ihr Aug' wird feucht, jedoch sie zaudert nicht;
Sie hält den Liebling lächelnd übers Licht.
Die Flamme leckt und züngelt sich heran,
Und mit dem einen steckt sie alle an...

Den Strohstuhl rückt sie sich zum Ofen her,
Und tränenlos blickt sie ins Flammenmeer,
In dem das Liebste, das sie hat und kennt,
Vor ihren müden Augen still verbrennt...

Brauchst, alter Schach'rer, nicht dich zu bemüh'n;
Mein ganzer Schatz muß vor mir selbst verglüh'n.
Sag deinen Freunden, die dir Auftrag gaben,
Von diesem närrischen Weib ist nichts zu haben.
Sie hat von ihm, der einst mit vollen Händen
Sein Gut verstreut, nur eins gelernt: verschwenden!
Der Neugier sag's, die deinen Kram umlungert.
Und fragt sie dich: Was tut sie? - Sie verhungert!


  Rudolf Presber . 1868 - 1935






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