
 162 Bücher
|
Rudolf Presber
Media
in vita . 1. Auflage 1902
Carpe diem!
Sind tausend und tausend Jahre vergangen -
Es hat die Liebe mit blühenden Wangen,
Es hat der Haß, mit Waffen bewehrt,
Nichts nach mir gefragt, nicht nach mir begehrt.
Kein Stern hat gelehrt, daß ich kommen müßte,
Kein Seher mein Schicksal vorausgesagt;
Und was ich einst sündigte, lachte und küßte,
Hat keiner berechnet und keiner erfragt.
Wenn tausend und tausend Jahre durchmessen -
Dann bin ich verschollen, dann bin ich vergessen!
Mein Name im Stein längst verwischt und verweht,
Mein Grab wildblühend ein Blumenbeet;
Mein letztes Häuschen vermorscht und verfallen
Und huschende Mäuschen drüber her -
Und was im Busch mir die Nachtigallen
Erzählen wollen, ich hör's nicht mehr ...
Die Lippen verwest, zerbrochen mein Flötchen,
Die Flammen verlodert, das Herz verkühlt.
Ich habe mein ärmliches Episödchen
Im Weltendrama längst ausgespielt.
Der Stern nur dort oben ist nicht verglommen,
Zu dem ich mit lachenden Augen drang,
Der, wenn ich mich gar zu wichtig genommen,
Mir zugeblinzelt: Du treibst's nicht lang!
Komm, Liebchen, daß wir bei Küssen und Schwören
Die bösen Uhren nicht ticken hören;
Daß uns der Wind nicht die Wangen bleicht,
Der über die fallenden Garben streicht.
Komm, laß uns das Fest unsrer Jugend durchtollen,
Den kurzen Tag zwischen Nacht und Nacht -
Vielleicht ist schon aus grauen Schollen
In aller Stille das Bettchen gemacht.
Und laß uns den scheltenden Tanten und Sippen
Mit leuchtenden Augen und lachenden Lippen
Entgegenrufen die fröhliche Lehr':
Wir waren noch nie, und wir kommen nicht mehr!
Wir tragen kein Bußkleid, zerknirscht und erschrocken,
Wir rauben die Lenzlust als heiliges Recht
Und bringen, den üppigen Kranz in den Locken,
Den Becher des Lebens dem nächsten Geschlecht!
Rudolf
Presber . 1868 - 1935
|
|