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Rudolf Presber
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in vita . 1. Auflage 1902
Die stillen Täler
All ihr preisenden Erzähler
Von der Weltstadt Glanz und Licht,
Scheltet mir die stillen Täler
Und die wald'gen Höhen nicht!
Scheltet nicht die scheuen Waller,
Die dem Marktgewühl entfliehn
Und zur Mutter unser aller
Auf betauten Wegen ziehn.
Jeder Hügel wird im Maien
Deiner Sehnsucht Königsthron,
Kommt der Lenz die Welt befreien,
Sprengt er deine Ketten schon.
Sieh die Veilchen sich dir neigen,
Hör der Finken hell Getön - -
All die Lande sind dein eigen,
Und die Erde ist so schön!
Lerne heitern Sinns verstehen,
Was aus goldnen Feldern blinkt,
Was aus Augen blauer Seeen,
Aus des Eichwalds Fahnen winkt,
Was von bunten Blütenhagen
Mit des Frühlings Zungen spricht - -
Was dir nicht die Himmel sagen,
Lehren dich die Menschen nicht!
Horch, im Rauschen der Platanen
Und im alter Linden Blüh'n
Will ein Grüßen treuer Ahnen
Still durch deine Seele ziehn.
Und der Fluß mit mondbeglänzten
Wellen, der die Felsen schlägt,
Ist's vielleicht, der den bekränzten
Enkel einst zum Ziele trägt.
Freud'gen Glauben wirf entgegen,
Wenn der Hohn der Spötter gellt:
In des Weltalls Feuerregen
Sei ein Stäubchen deine Welt.
Ob bereitet schon dein Bette
Und die Gräber offen stehn,
Fühl ein Glied dich in der Kette,
Und du kannst nicht untergehn!
Reifen, welken und zerstieben
Muß dein Frühling - - schick dich drein!
Wag die Erde treu zu lieben,
Und du darfst ihr König sein.
Und es bleibt dir unverloren
All ihr blühend Frühlingsglück - -
Denn aus ihr bist du geboren,
Und zu ihr kehrst du zurück!
Rudolf
Presber . 1868 - 1935
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