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Rudolf Presber
Media
in vita . 1. Auflage 1902
Gefesselte Geister
Das war der lustige Dichter,
Sein Ruhm, der war nicht klein;
Er schnitt der Welt Gesichter
Und weinte im Kämmerlein.
Es rühmten, die ihn lasen,
Stets sei er witzbereit,
Und keiner könnte spaßen,
Wie er in trauriger Zeit.
Er sei ein Ewigblinder
Für alles Leid der Welt,
Ein lieber, lachender Sünder,
Mitten ins Leben gestellt ...
Er schrieb in Sorgen und Wachen
Einsame Nächte lang,
Kein Becherklang, kein Lachen
Aus seinem Stübchen drang.
Er wußt' so lockend zu schildern
Des Lebens Frühlingsglück -
Und auf vergilbten Bildern
Ruht sein verträumter Blick.
Oft hat er in heißem Sehnen
Die Locken sich gerauft -
Ihm blieben nur die Tränen,
Sein Lachen war verkauft ...
Mit einem letzten Spaße
Verschied er am ersten Mai,
Es zogen just auf der Straße
Die Meßmusikanten vorbei.
Er starb unter Singen und Pfeifen,
Sie sargten ihn lächelnd ein;
Und Kränze mit langen Schleifen
Lagen auf seinem Stein.
Jetzt ... Nachts, wenn an letzten Fenstern
Erlischt das letzte Licht,
Erzählt den weißen Gespenstern
Sein Geist manch lust'ge Geschicht'.
Sie sitzen auf sinkenden Steinen,
Vom Witz des Erzählers gepackt,
Und läuten mit den Gebeinen
Und wiegen die Schädel im Takt.
Von klapprigen Knochengestellen
Die weißen Tücher wehn;
Und von den dürren Gesellen
Will keiner mehr spuken gehn ...
Rudolf
Presber . 1868 - 1935
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