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Rudolf Presber
Media
in vita . 1. Auflage 1902
Tante Sanna
Armes, müdes Frauenherz,
Um des Abends Glück betrogen,
Spät erst hat dich erdenwärts
Deines Volkes Leid gezogen.
Kinder gingen dir voraus,
Und du sahst die Enkel fallen
Und von dem verwaisten Haus
Die zerschoss'nen Fahnen wallen.
Sahst verwüstet und verderbt,
Was der Bauernfleiß geschaffen,
Und geächtet und enterbt
Eine letzte Schar in Waffen.
Sahst ihn ziehn, den alten Mann -
Und dein Gottvertrau'n und Segen
Flog dem Scheidenden voran
Auf der Demut harten Wegen.
Dem du schlicht nach Burenart
Deiner Liebe Schwur gehalten,
Kann dir heut' zur letzten Fahrt
Nicht die blassen Hände falten.
Keiner Freiheit Morgenschein
Will ein leuchtend Grüßen streuen;
Fremde Schergen betten ein
Dich, Getreuste der Getreuen ...
Aber dort, wo glanzumloht
Über Welt und Wolkenwogen
Thronet, dem in höchster Not
Deine Seele zugeflogen,
Wo des Richters Herrlichkeit
Engel preisen: Hosianna!
Öffnen sich die Tore weit
Deiner Demut, Tante Sanna!
Rudolf
Presber . 1868 - 1935
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