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Anna Ritter
Befreiung
. 1. Auflage 1900
Abschied von Berlin
Sie haben mir heute den Frühling gezeigt!
Er stand verdrossen am Leipziger Platz,
Trug einen seidenen Busenlatz,
Ein Sträußchen Treibhausblüthen darin
Und sah so übernächtig aus,
Als käm er grade verschwärmt nach Haus. -
Ich wollts nicht glauben, daß er es wär!
Da sah ich, wie über das Häusermeer
Sein blaues Auge ins Weite strich,
Bis aus den Zügen die Starrheit wich,
Und eine große, brennende Thräne
Ihm heimlich über die Wangen schlich.
Ich zupft' ihn am Ärmel .. ganz heimlich .. ganz sacht:
"Was hat dich so müde und blaß gemacht?
Gelt, Lieber - du sehnst dich!
Dir gehts wie mir -
Was thun wir zwei in der Großstadt hier!
Begleit mich ein Stückchen,
Ich will dir 'was sagen:
Über ein Weilchen,
In ein paar Tagen,
Schnür ich mein Bündel
Und dann - juchhei -
Gehts in die Heimath -
Bist du dabei?
Sie schrieben mir heute von zu Haus,
Im Garten säh's schon ganz festlich aus!
An der alten Mauer die Veilchen
Hätten schon Knospen,
Im wilden Wein
Flögen die Spatzen aus und ein
Und zupften den Bast von den Ranken
Und hätten schon Heirathsgedanken.
Wir aber sitzen noch in Berlin ...."
Da faßt er mich an, seine Augen glühn,
Und die Hände zittern vor Freude:
""Wann reisen wir?
Heute?""
Anna
Ritter . 1865 - 1921
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