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Anna Ritter
Befreiung
. 1. Auflage 1900
Auferstehung
Welch geheimnisvollen Mächte
Werfen ihren lichten Schein
In das Dunkel dieser Nächte
Mir bedeutungsvoll hinein?
In der Stille, welch ein Leben,
Welch ein Glanz im engen Raum -
Grüßende Gestalten schweben
Feierlich durch meinen Traum.
Tage der Jugend -
Steigt ihr herauf?
Schließt ihr noch einmal,
Purpurne Blüthen,
Eure heiligen Kelche auf,
Daß ein Duft von
Unendlicher Süße
Meine schauernde Seele grüße?
Lockende Lieder,
Tönt ihr mir wieder?
Lange verklungen,
Lange entschwunden,
Weckt ihr die Stimme
Lachender Stunden,
Weckt ihr sie auf?
Ach, wie bald er mir entschwebte,
Jener wundervolle Zug!
Was ich wachen Augs erlebte,
Wird im Morgenschein ein Trug,
Aber tausend Kräfte regen
Sich im Innern, stark und still,
Froh wach ich dem Tag entgegen,
Der mir Arbeit bringen will!
Über den Gräbern
Blühen die Rosen,
Glühen wie Flammen
Ewiger Kraft.
Rauschende Ströme
Brechen und schwellen
Stark aus der Erde
Finsterer Haft.
Tod gebiert Leben!
Staub und Verwesung
Nähren des Frühlings
Blühende Pracht,
Leuchtend in Schönheit,
Sonne und Klarheit,
Schreitet der Tag
Aus den Thoren der Nacht!
Nicht in dir will ich versenken
Meine Seele, todte Zeit!
Offnen Sinn wollst du mir schenken,
Großer Geist der Ewigkeit!
Aus des Lebens enger Kleinheit,
Aus des Traumes dumpfer Ruh,
Lenke meinen Blick der Reinheit
Deiner selgen Höhe zu!
Anna
Ritter . 1865 - 1921
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