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Anna Ritter
Befreiung
. 1. Auflage 1900
Die Kranke
Man hat sie hinaus in die Sonne getragen.
Neben ihr steht der Kinderwagen,
Darinnen schläft ihr Bübchen sacht.
Die Großen spielen im Garten und bringen
Ihr Frühlingsblumen, und jubelnd singen
Winzige Lerchen hoch in der Luft.
Sie athmet beklommen den Blüthenduft,
Der zieht so betäubend süß und schwer
Von den Rabatten des Gartens her ...
Da ist ihr, als läge sie schon in der Gruft,
Umgeben von ewiger Dunkelheit,
Von Glück und Sonne unendlich weit.
Und die alte Glocke der Vaterstadt,
Die einst ihre Liebe gesegnet hat,
Hebt an zu läuten und schwingt sich leise
Und singt die nämliche Todtenweise,
Die schon so manchen Bürger der Stadt
Zur letzten Ruhe geleitet hat ...
Sie hört hoch oben die Kinder gehn,
Die bleiben weinend am Hügel stehn
Und streicheln leise das frische Grab
Und rufen "Mutter ..." zu ihr hinab -
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Wild schreit sie auf, daß ihr Kind erwacht!
Sie krampft um die Blüthen die bleiche Hand
Und schaut in den rosigen Abendschein
Mit großen, hungrigen Augen hinein:
"O du sonniges, wonniges Erdenland -
Noch will ich leben und glücklich sein!"
Das Bübchen im Wagen jauchzt und lacht -
Und in den Büschen lauert die Nacht ...
Anna
Ritter . 1865 - 1921
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