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Anna Ritter
Befreiung
. 1. Auflage 1900
Flucht
Liebchen komm - die Schatten dunkeln,
Unsern Schritt verweht der Wind,
Keine Späheraugen funkeln
Über uns .. die Nacht ist blind!
"Weh, ein Lichtlein blieb am Leben:
In der Kammer stehts und wacht!
Leise Schritte hör ich schweben,
Tausend Ohren hat die Nacht."
Gieb dein Händchen, laß dich leiten -
Was dich schreckt, liegt weit zurück!
Über deinem Haupte breiten
Goldne Schwingen Lust und Glück. -
"Ach, in meines Kleides Falten
Hängt es sich mit schwerer Last:
Sieh, die Heimath will mich halten,
Der du mich genommen hast.
Neue Heimath wird dich grüßen,
Dort in unsrer Sehnsucht Land,
Rosen streu ich dir zu Füßen,
Rosen über dein Gewand!
"Rosen, sagst du?" .. Ach, die standen
Um der Kindheit liebes Haus,
Und des Vaters Hände wanden
Sie mir oft zum vollen Strauß.
Überall wirds mich gemahnen,
Daß ich mich zu weit verirrt,
Und mein Herz durchzuckt ein Ahnen,
Daß es nie mehr lachen wird ...."
Anna
Ritter . 1865 - 1921
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