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Anna Ritter
Befreiung
. 1. Auflage 1900
Geburtstag
Gut Morgen, Frau Sonne, wie froh schaust du aus!
Ich bitte dich, komm doch ein Weilchen ins Haus,
Wir haben Geburtstag: der kleinste Mann
Tritt heute sein siebentes Jährchen an!
Sein siebentes Jährchen ... mir ists wie ein Traum,
Oft mein' ich, es wär so viel Monde kaum,
Daß er, wie ein rosiger Gottessegen
Im spitzenumschleierten Bettchen gelegen. -
Dann freilich - wenn ich so Alles bedenke,
Was hinterher kam, all die Sorge und Noth,
Und was mir der Tod ...
Nein, heut keine Thränen!
Ich habe mein Brot,
Ich schmücke den Tisch für mein lachendes Kind
Und bin so viel reicher, als Tausende sind!
Frau Sonne, da sieh doch: das Pferd und den Helm!
Wie wird er wohl jubeln, der trotzige Schelm!
Und die Peitsche, die könnt' selbst dem Kutscher gefallen,
So stolz sieht sie aus, und so laut kann sie knallen. -
Ich weiß ja, wie lieb dir mein Nesthäkchen ist -
Du hast es so oft auf die Löckchen geküßt!
Ach, gieß ihm von deinem gesegneten Schein
Nur einen Strahl in sein Seelchen hinein,
Denn was für die Erde dein goldenes Licht,
Das ist meinem Herzen sein kleines Gesicht!
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Die Sonne kommt eilend zum Fenster herein,
Um Tischchen und Gaben fliegt segnend ihr Schein,
Dann küßt sie mir freundlich die Stirn und den Mund:
"Gott schütze dein Kindchen und halt's dir gesund!"
Anna
Ritter . 1865 - 1921
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