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Anna Ritter
Befreiung
. 1. Auflage 1900
In Sturmes Reich
Im wehenden Kleide
Weit über die Haide,
Auf schwindelnden Wegen
Dem Sturm entgegen -
Das ist meine Lust!
Da gellt in den Lüften
Sein jauchzender Schrei,
Da ragen die Berge
So stolz und so frei,
Da küssen die Winde
Mein heißes Gesicht,
Da leuchtet der Sonne
Urewiges Licht
Mir tief in die Brust!
Und höher hinauf
Eilt der schwebende Schritt!
Da können die grämlichen
Sorgen nicht mit,
Sie hocken am Wege
In keuchender Noth -
Ich lache der Faust,
Die mich machtlos bedroht!
Es schwindet der Erde
Alltägliches Bild,
Die lachenden Fluren
Das grüne Gefild -
Auf einsamer Höhe,
In strahlendem Blau,
So grüß ich den Sturm,
Eine selige Frau!
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Und treibt er am Himmel
Zu rasendem Lauf
Die wilden, schwarzmähnigen
Rosse herauf,
Und glühen die Augen
Im wilden Gesicht,
Zwei zuckende Flammen -
Ich fürchte mich nicht!
Der Himmel verblaßt
Und die Sonne blickt fahl,
Es rollen und poltern
Die Steine zu Thal,
Die trotzige Kiefer,
Sie duckt sich am Weg,
Vom Wildbach umdonnert,
Erzittert der Steg,
Es saust mir zu Häupten,
Es packt mich und droht:
"Mein Kuß ist Vernichtung,
Mein Lieben ist Tod!"
Ich aber, ich stehe
Im tosenden Streit
Mit leuchtenden Augen
Zum Sterben bereit:
O du, den ich liebe,
Du herrlicher Held,
Dem lodernde Sehnsucht
Mich zwingend gesellt -
Nimm hin meine Seele
Und mache sie groß,
Ach, ringe vom Staube
Des Alltags mich los!
Anna
Ritter . 1865 - 1921
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