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Anna Ritter
Befreiung
. 1. Auflage 1900
Vaterthränen
Ein einzig Mal hab ich dich weinen sehn...
Es war ein wundervoller Maientag,
Die Hyacinthen flammten von den Beeten
Buntfarbig auf, und ihre Kelche säten
Ein heißes Athmen in die Luft hinein. -
Schon schlief die Sonne fern am Himmel ein
Und sandte durch die halbgeschloßnen Lider
Ein mattes Blinzeln träumerisch hernieder;
Und jenes letzte, müde Sonnenlicht
Umspielte dein erblassendes Gesicht -
Da sah ich deine Thränen, lieber Vater ...
Scheu griff ich mit den Händen deine Hand -
Ich war ein Kind, das nichts von Leid verstand -
Und suchte heimlich für dein Glück zu beten.
Mir war's: in einen Tempel sei ich eingetreten,
Und feierlich zog durch mein junges Herz
Zum ersten Mal die Andacht vor dem Schmerz..
Anna
Ritter . 1865 - 1921
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