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Anna Ritter
Befreiung
. 1. Auflage 1900
Wanderer im Nebel
Die Nebelfrauen binden im Tann
Zarte, wehende Tüchlein an,
Die flattern und winken so wunderlich -
Hüte dich!
Leise Schritte gehn dir zur Seite,
Weiße Hände verschleiern die Weite,
Müde Träume spinnen dich ein ...
Halte dich wacker, halte dich wach,
Drunten im Thale wartet das Städtchen,
Lagert der Herdrauch über dem Dach.
Kinder drängen im warmen Gemach
Sich um die Mutter, der Lampenschein
Wandert still in die Nacht hinein,
Wandert getreulich und sucht seinen Herrn -
Hörst du das Schlagen der Thurmuhr von fern?
Wie eine Henne die Küchlein ruft,
Schickt sie den Lockruf hinaus in die Luft.
Hast du des Weges sichere Spur?
Thalwärts führt er, zur Heimathflur!
Irre nicht ab,
Strebe nicht fort,
Gähnende Gründe,
Drohende Schlünde
Bergen sich tückisch im Dunkel dort,
Und ein paar taumelnde Schritte nur,
So sinkst du hinab.
Stütze dich fest auf den knorrigen Stab -
Kam wohl Mancher zu Falle im Leben,
Weil er den Stecken verachtet hat,
Den die Vorsicht ihm mitgegeben.
Fürchte dich nicht -
Ob die Gestalten
Trugvoll dich locken,
Dräuend dich halten -
Über dir breiten
Höhre Gewalten
Schützend die Hände!
Siehe, schon ebnet
Sich sacht das Gelände ...
Froh blickt dein Auge,
Und hell lacht dein Mund:
Fest tritt dein Fuß
Auf den Heimathgrund!
Anna
Ritter . 1865 - 1921
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