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Anna Ritter
Befreiung
. 1. Auflage 1900
Wanderlust
Der Tag sieht mich in Thränen stehn
Und nimmt mich bei der Hand:
"Was ist denn meinem Kind geschehn?
Komm mit, wir wollen wandern gehn
Ins weite, schöne Land!"
Ich gehe mit .. Da bläst der Wind
Mit frischem Gruß mich an,
Die Wölkchen tummeln sich geschwind,
Das Wasser in den Gossen rinnt,
So schnell es irgend kann.
Und jedes Bäumchen vor dem Thor,
Und jeder Busch am Rain
Hat eine grüne Schürze vor,
Ein Blüthensträußchen hinterm Ohr,
Und schaut gar lustig drein.
Die Schwalben zwitschern aufgeregt -
Sie kamen kaum zurück -
Und jedes Vogelherzchen schlägt
Der Heimath zu, und jedes hegt
Ein heimlich Liebesglück.
Ein junges Ding mit braunem Schopf
Geht tänzelnd vor mir her,
Es spielt im Wandern mit dem Zopf
Und singt, und wiegt dazu den Kopf:
"Wenn ich ein Vöglein wär ..."
Die Thränen sind mir längst versiegt -
Die Frühlingslust steckt an!
Und meine junge Sehnsucht wiegt
Sich keck im Wind und fliegt und fliegt,
So hoch sie irgend kann!
Anna
Ritter . 1865 - 1921
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