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Theodor Däubler
Der
sternenhelle Weg . 2. erweiterte Auflage 1919
Toskana
I
Wintertag
Olivenblätter sind noch leichter als ihr Schatten.
Ihr Silberschimmern spiegelt sich in Luft und Licht.
Im Wind, im klaren Tag ist etwas vom Ermatten,
Das Blau verrauscht, zu frieren wagt es aber nicht.
Entirdischt wissen Bleichgebirge, schmerzzerbrochen:
Der Himmel überhimmelt sich mit Milch und Gold.
Du kannst auf diesen Höhen keine Seele unterjochen,
Schon tat das Land, was Gott der Herr von ihm gewollt.
Viel leuchtender als Silber sind Olivenblätter.
Von Silberungen wird das nasse Tal durchschwirrt.
Die Hügel perlen blaß, die Mulden sanftvioletter.
Dort wogt der Krokus auf, so wie es Sonne wird.
II
Im Frühjahr
Mit holden Silberknospen wundern sich die großen Bäume,
Daß alles wieder lau und blau und Friede wird.
Doch schützen sich mit zartem Harz die Knospensäume,
Wenn sich der Tauhauch allzufrüh verirrt.
Erschwollen sind die Knospen, Tau und Harz erquollen!
Die Veilchen neckt, versteckt der Blätter Schattenblau.
Die Primeln kichern über ihre braunen Schollen.
Zitronenfalter golden durch die gelbe Au.
Die Berge sind so blaß, als ob das Land sie träumte.
Ihr Gipfeln scheint nicht mehr von dieser Welt zu sein.
Der grüne Fluß, der junge Frühlingsrasen säumte,
Wird wildes Gold und überschäumt den Blütenhain.
III
Sommergebet
Es prangen Granatäpfelranken im Garten
Und blühen so warm wie das Tagesverglühen.
Zypressen wie riesige Schattenstandarten
Beginnen im Garten die Nacht zu verfrühen.
Wir heben die Arme empor zu dem Brande:
Ich tauche wie nackt bis zum Herzen in Flammen.
Mein Wesen erschaut sich im Blütengewande:
Auch ich blute auf mit den Baumbräutigamen.
Du Sonne in Scharlach, mit purpurnen Schleppen,
Entfunkelst mir unter Granatäpfelranken.
Ich komme zu dir auf lebendigen Treppen,
Ich gleiche der Abende bebendem Danken.
Ich werde ein Wahn und sein Wallen in Wangen,
Ich bin des Granatapfels fieberndes Blühen,
Die Sprühwürmchen sollen ihr Funkeln empfangen:
Verkündet, entzündet sie, Brüder, im Glühen!
IV
Oktober
Ein Dunstvampir packt seinen Kuppenberg am Kragen:
Der Tag muß zwischen Schwefelschleichen schnell vergilben.
Die Lauben können kaum die Last der Trauben tragen,
Und Silberwedel wechseln mit dem Winde Silben.
Die Ölbäume hinter den Mauern blauen munter.
Man hätte sie beinah im Sommer übersehen.
Kastanien fallen laut und bauchigbraun herunter,
Das Herbstgespenst beginnt ins Laub sich einzuwehen.
Das Wolkenungetüm hängt üppig über Fluren.
Gebirge schweben in vollendet hohen Ehren.
An Dingen, die des Daseins Rachsal schwer erfuhren,
Beginnt die Furchtbarkeit der eignen Frucht zu zehren.
Theodor
Däubler . 1876 - 1934
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