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Karl Stamm
Der
Aufbruch des Herzens . 1. Auflage 1919
I
Für Max Gubler.
Du stelltest hundertmal dich an den Weg.
Doch dein nicht achtend zogen wir vorbei.
Jetzt, da der Schmerz mich martert, jeder Nerv
zerfoltert zuckt, erkenne ich erschüttert
auf deinem Mund den unterdrückten Schrei.
Dein ganzes Wesen fühl ich plötzlich nah.
Ich eilte dir vorüber, erdenblind.
Nun ragst du in mir auf, einsames Kind!
O all mein Weh und meine Seelenqual
in deinem Antlitz eingeschrieben sind.
Die Blicke schauen sich nach Hilfe wund,
und von der Stirne tropft es heiß und rot.
Es zwingt das Kreuz mich nieder auf den Grund.
Ich fühle, wie die Kraft mich ganz verläßt -
Ist da kein Ausweg aus der dunkeln Not?
Sieh, vor mir selbst erniedrigt mich die Pein:
Laß diesen Kelch an mir vorübergehn!
Du hebst das Haupt? Dein blasser Mund will schrei'n!
Mir Höllenschmerz! O Lippen haltet ein!
Mein Wille nicht, der deine soll geschehn.
Auf deinem Mund verflüstert sich der Schrei.
So sieht zum Vater auf der größere Sohn.
Der ich im Leiden nur dein Bruder bin,
ich schreite deinen schweren Weg dahin
von Station zu Station.
Karl
Stamm . 1890 - 1919
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