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Franz Grillparzer
Gedichte
. 1872
Gründlichkeit
Wie viel, ein Reich des Geistes gar,
Hängt ab von Ort und Zeit,
Was falsch sonst, gilt uns heut' für wahr,
Für dumm, was sonst gescheidt.
Und Mancher, den die eigne Zeit
Verspottet und verlacht,
Lebt' er in eurem Kreise heut,
Sein Ruf wär' längst gemacht.
So jener Mathematikus
Im heiteren Paris,
Setzt ins Theater nie den Fuß,
Da Zahlen nur gewiß.
Einst doch die Freunde brachten ihn
Ins Schauspielhaus mit Glück,
Man gab ein Schauspiel von Racine,
Des Meisters Meisterstück.
Da wird dann rings Begeist'rung laut,
Man weint, man klatscht, man tobt.
Was man gehört, was man geschaut,
Wird Eines Mund's gelobt.
Nur unser Mathematikus
Sah stieren Aug's das Spiel,
Bis ihn der Freunde Schaar am Schluß
Befragt: wie's ihm gefiel?
Ob ihn ergriff der Handlung Macht?
Des Unglücks Jammerruf?
Doch er erwiedert mit Bedacht:
Mais qu'est ce que cela prouve? -
O edler Mann, du kamst zu früh
Und nicht am rechten Ort,
In unsers Deutschlands Fleiß und Müh
Versteht man erst dein Wort.
Wo man Ideen nur begehrt,
Von Glut und Reiz entfernt,
Man bis zum Halse schon gelehrt,
Noch im Theater lernt.
Dort ruft ein jeder Kritikus,
Was auch der Dichter schuf,
Wie jener Mathematikus:
Mais qu'est ce que cela prouve?
Franz
Grillparzer . 1791 - 1872
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