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Karl von Holtei
Gedichte
. 4. Auflage 1856
An Konstanze
Melodie vom ergrauten
Mütterchen.
Es ist nicht Zeit zu frohem Tanze,
Das Leben fordert schweren Ernst; -
Das ist ein Lied, an dem, Konstanze,
Auch Du tagtäglich übst und lernst.
Denn Du, wie ich, wir Beide haben
Geprüft der Trauer-Tage Lauf;
:,: Doch was der Abend uns begraben,
Der Morgen weckt es wieder auf. :,:
Ach, er begrub die treu'sten Herzen,
Und er begrub der Jugend Glück;
Er legte zu der Kinder Scherzen
In's Grab der Kindheit Hoffnungsblick;
Er nahm der Erde nächste Gaben,
Nahm blut'ge Thränen in den Kauf; -
:,: Doch was der Abend uns begraben,
Der Morgen weckt es wieder auf. :,:
Ich zweifle nie an einem Morgen,
Der wie ein Gott hernieder steigt;
Vor dessen Anblick aller Sorgen
Geschwätz'ge Klage bebend schweigt.
Noch zieh'n am Himmel düst're Raben,
Dann schwebt die Lerche kühn hinauf -
:,: Denn was der Abend uns begraben,
Der Morgen weckt es wieder auf. :,:
So wollen wir zusammenhalten,
Sei, Schwester, treu mir zugethan!
Die schwarzen Bilder und Gestalten
Sind eben auch nur Erdenwahn.
Ein edler Sinn bleibt still erhaben
Ob jedes Schicksals Wechsel-Lauf;
:,: Denn was der Abend uns begraben,
Der Morgen weckt es wieder auf. :,:
Karl
von Holtei . 1798 - 1880
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