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Robert Eduard Prutz
Gedichte
. 3. Auflage 1847
Bei der Leiche
1840.
1.
Um euch nicht klag' ich, ausgelöschte Sonnen,
Euch, holden Augen, zugedrückt vom Tod,
Die einst so mild, so lockend mir gedroht
In jener Nacht der bräutlich ersten Wonnen;
Nicht um den Mund, den keuschen Liebesbronnen,
Wie Purpurtrauben duftig einst und roth,
Den sie so oft zu süßem Kuß mir bot,
Von stiller Dämmrung braunem Netz umsponnen!
Wird doch ihr Aug' in jedem Stern mir leuchten,
Im Mondenschein, der leise nur sich drängt
In meinen Blick, den müden, thränenfeuchten!
Noch einmal wird ihr lieber Mund mir lächeln
In jeder Blume, die die Knospe sprengt,
Und wie ihr Kuß der Rose Duft mich fächeln.
2.
Und doch, o Erde, muß ich dich beneiden!
Denn o, mein Kleinod, meines Glückes Pfand,
In deinen Schooß wird es hinabgesandt,
Und schweigend muß ich, ohne Kampf, es leiden.
Sie kommt zu dir, von welcher ich muß scheiden,
Du nimmst sie auf, die man von mir verbannt,
Ja an dem Glanze, welcher mir verschwand,
Darf deine Nacht, die blinde selbst, sich weiden.
Wohl manche Nacht ist über uns gesunken,
Da haben wir der Finsterniß gelacht
Und uns gesonnt an unsrer Liebe Funken:
Wir dachten nicht, daß eine Nacht einst käme,
So sternelos, wie dieses Grabes Nacht,
Und aus den Armen meine Braut mir nähme.
3.
Unheilig ist's, und dennoch immer wieder
Gedenken muß ich jener ersten Nacht,
Da, wie von Flammen glühend angefacht,
Ich einst gelöst ihr jungfräuliches Mieder!
Welch Leben damals wärmte diese Glieder!
Wie reich, wie schwellend dieses Leibes Pracht!
Wie faßte sie, wie hielt sie mich mit Macht,
Und sank dann stammelnd in den Arm mir nieder!
Nun Alles todt! Bleich sind die holden Wangen,
Auf denen einst, wie Morgenroth so klar,
Der Glanz der Liebe leuchtend aufgegangen;
Kalt ist der Mund, um den noch Küsse schweben,
Und das mein Sternbild, meine Sonne war,
Das Auge sank und wird sich nie mehr heben.
4.
Ich hab' mein Ohr an ihre Brust gelegt,
An die sie sonst, lächelnd zurückgebogen,
Mit weichen Armen mich hinabgezogen,
Dicht an das Herz, das heute nicht mehr schlägt.
Wohin entschwand, was sonst sich hier geregt?
Wohin die Gluth, die dieses Herz durchflogen?
Der Sturm, wohin? der in gewalt'gen Wogen
Einst dieses Busens süßes Meer bewegt?
Es kann nicht sein - ich sinne nach - o nein:
Das Leben kann in diesem treusten Herzen,
Die Liebe nicht, nicht ganz gestorben sein.
Noch schlägt ihr Herz! - es schlägt in meiner Brust:
Und doppelt drum empfind' ich diese Schmerzen,
Empfinde doppelt die verlorne Lust.
5.
Noch eine Locke schneid' ich dir vom Haupt,
Vergönn' es mir, du liebliche Verklärte!
Sie sei mein Trost, mein Schatz und mein Gefährte,
Wenn mir das Herz einsam zu brechen glaubt.
Die erste Locke hab' ich dir geraubt,
Als ich umsonst den ersten Kuß begehrte;
Da zürntest du: doch was dein Mund mir wehrte,
Dein Herz hat Kuß und Locke doch erlaubt.
Heut' wehrst du nicht! Ja wie von selber beut
Die Locke sich geduldig meiner Scheere,
Dein bleicher Mund sich meinen Küssen heut!
Du fühlst es nicht - dein Schlummer ist so fest,
Du fühlst auch nicht, daß eine blut'ge
Zähre
Zum Abschied heut die zweite Locke näßt!
Robert
Eduard Prutz . 1816 - 1872
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