
 162 Bücher
|
Robert Eduard Prutz
Gedichte
. 3. Auflage 1847
Die badende Königin
1834.
Wenn der Mond an blauem Himmel mitternächtlich aufgegangen,
Und die Wellen leise murmeln, wie von Schlaf und Traum befangen,
Steigt die stolze Königstochter nieder an des Meeres Strand,
Und des Haares goldne Locken löst sie mit geschäft'ger Hand;
Löst des Busens zücht'gen Schleier, und mit durstig langen Zügen
Athmet sie die kühlen Lüfte, die vom Meer herüberfliegen;
Leise zögernd sinkt der Mantel, und mit nacktem Götterleib,
Vor sich selber süß erröthend, steht gebeugt das edle Weib.
Schüchtern netzt sie kaum die Zehe, herzhaft dann die weißen Glieder
Taucht sie tief mit raschem Sprunge in die lauen Fluthen nieder,
Daß sie rauschen, daß sie sprudeln, und in gierig süßer
Lust
Schmiegt die flücht'ge Meereswoge fest sich an die volle Brust.
Da beginnt die See zu brausen: rasch von Liebeslust gezogen,
Drängen stürmisch sich an's Ufer alle Wellen, alle Wogen,
Und mit klaren, klugen Augen schaut der freundliche Delphin,
Denn er fühlt mit einem Male warm das kalte Herz erglühn.
Hörst du's klagen aus der Tiefe? Mädchen, aus den weiten Höhen
Hörst du's lispeln, hörst du's locken, wie mit ungestümem
Flehen?
Mädchen, hast das Meer entzündet, und die Geister aus dem Grund
Bannt herauf dein Schwanenbusen, bannt herauf dein Rosenmund.
Ach, es sind die muntern Knaben, sind die Ritter, die vor Jahren,
Blond gelockt, in üpp'ger Jugend, über See fernher gefahren,
Da im Kreis die Becher gingen, da die Cither lustig klang,
Bis das Meer, das nie versöhnte, Schiff und Rittersmann verschlang.
Männer sind's und Heldengreise, stark an That und groß an Namen,
Die zur Meeresschlacht gerüstet feindlich hier zusammenkamen;
's ist der blonde Fischerbube, dessen Lied du oft gehört,
Den zum kalten Todessprunge deiner Reize Macht bethört!
Ach! sie seufzen, ach! sie klagen: denn sie liegen schon so lange
Einsam in der öden Tiefe, bei Polyp und Meeresschlange:
Wellen, die von oben kommen, Fluth, die aus der Tiefe quillt,
Bringen abwärts, tragen aufwärts holder Frauen Zauberbild.
Und die Lust, die sie genossen, in der Jugend Blüthetagen,
Und die Gluth, in welcher ehmals lebenswarm ihr Herz geschlagen,
Alles, Alles kehret wieder, wie es war, im Traumgesicht:
Wunsch und Sehnsucht und Begierde, aber ach, das Leben nicht!
Nun in mitternächt'ger Stunde, da die Sternlein aufgegangen,
Rasch herauf aus kalter Tiefe treibt sie sehnendes Verlangen:
Mädchen, hast das Meer entzündet, und die Geister aus dem Grund
Wollen ruhn an deinem Busen, küssen deinen Rosenmund!
Eine Meeresblume, sollst du unvergänglich ihnen blühen,
Und der starre, todte Busen soll an deinem Leib erglühen:
Aus dem halb gebrochnen Auge irrt ihr wilder Liebesblick -
"Komm, o komm! bald schlägt die Stunde, und das Meer nimmt uns
zurück!" -
Doch die stolze Königstochter höret nicht das leise Rauschen,
Sieht die Geister nicht, die luft'gen, die im Bade sie belauschen;
Aus den Wellen steigt sie langsam, wie ein Schwan dem Ufer naht,
Und, gesalbt die goldnen Haare, geht sie heimwärts ihren Pfad:
Leisen Schritts, mit süßem Lächeln, wo verdeckt im duft'gen
Garten
Schon die lebenswarmen Küsse des Geliebten sie erwarten; -
Und die armen, kalten Geister wenden traurend ihren Blick,
Breiten einmal noch die Arme, sinken stumm in's Meer zurück.
Robert
Eduard Prutz . 1816 - 1872
|
|