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Robert Eduard Prutz
Gedichte
. 3. Auflage 1847
Frühling
1842.
Ja, das ist des Lenzes Hauch,
Der die Brust mir fächelt!
Ja, das ist das Maienkind,
Das aus Blumen lächelt!
Schmetterlinge wiegen sich
In dem Blüthenmeere,
Und ich könnte glücklich sein,
Wenn nur Eins nicht wäre!
Süßer Frühling, holder Mai!
Ueber Thal und Hügel
Breitest du, wie Gotteshand,
Segnend deine Flügel:
Sollen wir denn nimmer dich
In den Herzen schauen?
Hast du keinen Sonnenstrahl
Seelen aufzuthauen?
Alle Keime sind erwacht,
Alle Knospen springen,
Und der Epheu muß sich frisch
Um Ruinen schlingen:
Soll nur der Geschichte Baum
Niemals Knospen treiben?
Soll es ewig Winter nur
Für die Freiheit bleiben?
Alle Quellen wurden frei,
Alle Bächlein rauschen:
Sollen nur die Geister nie
Freie Rede tauschen?
Alle Vöglein singen laut,
Alle Zweige schallen:
Steckt man in den Käfig nur
Völkernachtigallen?
Süßer Frühling, holder Mai,
Frühling unsrer Herzen,
Komm, o komm, und wär' es auch,
Wär' es auch mit Schmerzen!
Müßtest du aus Wunden auch
Deine Rosen färben,
Müßten auch wir selben als
Frühlingsopfer sterben! -
Robert
Eduard Prutz . 1816 - 1872
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