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Robert Eduard Prutz
Gedichte
. 3. Auflage 1847
Meeresfahrt
1840.
Das ist das Meer, schau hin! - Senkt schon im Schauen
Sich rasch ermüdet deines Auges Flug?
Weit, weit dort hinten, wo die Wolken grauen,
Und weiter reißt mich meines Herzens Zug.
Voll Ungeduld, weißmähn'ge Rosse, springen
Die Wellen hoch um meines Schiffes Rand,
Sie wiehern, horch! Laßt den Signalruf klingen,
Die Anker auf - ade! und stoßt vom Land! -
Da schwindet's hin, langsam, als ob es wüßte,
Daß es mein Auge nicht mehr schauen soll,
Land meiner Väter, meiner Jugend Küste -!
Fahr' wohl! ich habe keinen Thränenzoll.
Es wohnt sich sanft im Schatten jener Buchen,
Hoch steht das Korn, man gräbt nach Gold und Erz:
Mich aber treibt's, ein andres Land zu suchen,
Und ein Columbus ist mein ahnend Herz. -
Seid mir gegrüßt, ihr ewig jungen Wogen!
Gegrüßt, o Meer, in deiner stolzen Pracht!
Du scheinst so sanft, als hättst du nie gelogen,
Ein blaues Auge, draus die Treue lacht.
Und doch, ich weiß, du lächeltest nicht Allen,
Manch Schiff zerbarst, die Ladung schlangst du ein,
Und zwischen purpurfarbigen Korallen
Bleicht, nackt und bloß, manch menschliches
Gebein.
Mögen sie modern! - Die Koralle locke
Den feilen Sklaven, den der Geiz beschwingt,
Daß er hinabfährt in krystallner Glocke
Und mit dem Haifisch um sein Leben ringt;
Ja um die Ladung laßt den Bettler sorgen,
Der auf des Strandrechts blut'gen Titel pocht,
Und um die Lumpen, die er kaum geborgen,
Schon manchen Kampf mit seinem Bruder focht -!
Du aber schlaf, du schweigsame Gemeine!
Kein Sturm zerwühle euren weiten Sarg,
Tollkühner Helden irdische Gebeine,
Die grünes Meer, nicht grüner Rasen barg!
Ihr wolltet auch das hohe Ziel erjagen,
Das eure Nächte schlaflos auch gemacht,
Euch trieb es auch zu hoffen und zu wagen -
Nun schlaft ihr wohl recht ungestörte Nacht.
- Nacht? Wie, schon Nacht? Kaum Mittag sollt' ich meinen.
Wohin verschwand der Sonne süßes Licht?
Und wenn es Nacht, will denn kein Mond uns scheinen?
Ich schau' umher: über dem Meere dicht,
Eintauchend fast, mit nassem Fittig, streichen
Unförm'ge Wolken, nächtig, todesschwer,
Sturmvögeln gleich, als witterten sie Leichen,
Und donnernd kocht im tiefsten Grund das Meer.
Die Segel ein - zu spät! Schon kommt geflogen
Die tolle Windsbraut, reißt die Segel los,
Packt fest das Schiff, preßt's nieder in die Wogen
Und wirft es aufwärts in der Wolken Schooß.
Und wie ein Geier, rasch von Felsenklippen
Herabgestürzt, das Reh des Waldes faßt,
Schlägt sie die Klauen in des Schiffes Rippen,
Daß wie vor Schmerz aufstöhnen Bord und
Mast.
Jetzt gilt's zu kämpfen! Lustig, meine Jungen!
Frisch an die Pumpen - doch wer hört mich, wer?
All meine Freunde sind ins Boot gesprungen,
Der letzte jetzt, fehlspringend, stürzt ins Meer.
Und meint ihr so dem Tode zu entweichen,
Der gierig uns aus jeder Woge droht?
Vielleicht vor Nacht begegnen unsre Leichen,
Sei Gott mit Euch! ... Versunken ist das Boot! -
Meins sinket auch! Jetzt, süße Heimathpfänder,
Schatz meiner Ladung, mein ererbtes Gut,
Euch goldne Ringe, Ketten, Locken, Bänder,
Ich werf' euch all, wie Ballast, in die Fluth!
Ihr waret mir, o wohl, ihr wart mir theuer!
Doch ist's nicht Zeit, um euch zu weinen - fort!
Grad in den Sturm! Ich binde mich ans Steuer
Und reiß mein Schiff gewaltsam in den Port. -
Mein Arm ist stark, er ward nicht müd' im Ringen,
Müd' ward der Sturm: er stöhnte dumpf und
schwer,
Verschnaufte dann, hob ein Mal noch die Schwingen,
Ohnmächtig endlich sank er in das Meer.
Und stiller ward's, und murrend legten wieder
Die Wogen sich, wie auf des Herrn Gebot
Ein Löwe streckt unwillig seine Glieder,
Und murrend noch im Niederlegen droht.
Aufging der Mond: mit Augen klar und helle
Sahn tausend Sternlein auf die Fluth herab
Und spiegelten sich tändelnd in der Welle,
Die ruhig hinfloß, meiner Freunde Grab.
Mein Schifflein trieb mit frischem Strom behende,
Ein andres wohl, als es vom Lande fuhr,
Mit seidnen Wimpeln, buntbemalt die Wände,
Jetzt nur ein Wrack, ein lecker Nachen nur.
Und da, da war's - bethörend anzuschauen!
Wer hat dorthin das Auge mir gebannt?
Die schönste hob von allen Meeresfrauen
Sich hell und leuchtend, wie des Mondes Rand.
Ihr Blick war Gluth; die feuchten Locken flossen
Nur halb verhüllend um den nackten Leib,
Die holden Brüste sah ich schwellend sprossen -
Nie war so schön, o nie! ein sterblich Weib!
Sie sang so süß: die hellen Töne flogen
Wie muntre Schwäne durch die stille Nacht;
Rückwärts zu ihr hin flossen alle Wogen,
Still stand mein Schiff, gebannt von Zaubermacht.
Sie sang so süß - sie neigte mir die Stirne,
Sehnsüchtig hob ihr weißer Busen sich:
Sie sang so süß - weh meinem armen Hirne!
Ihr Lied ist Gift! Das Meerweib mordet mich!
O du hast Recht, was soll mein thöricht Ringen?
Durch Nacht und Sturm einsame Meeresfahrt?
Ich soll hinab in deine Arme springen -
Glückselig Sterben, das mit dir mich paart!
Laß unten mich in deinen Wassern wohnen,
An deinen Mund, an deine Brust gepreßt:
Da spielen wir mit Muscheln und mit Kronen,
Und Kuß um Kuß und ew'ges Hochzeitfest! -
Vorbei, vorbei -! Rothgoldne Strahlen schießen,
Wie Boten Gottes, hell vom Osten her:
Ich sah das Meerweib flattern und zerfließen,
Ein Nebelbild -! und nun auch das nicht mehr.
Und hell begann und prächtig es zu tagen,
Frisch über's Wasser strich der Morgenwind,
Die nächt' gen Wolken vor sich her zu jagen,
Und wie die Wolken flog mein Schiff geschwind.
Willkommen, Tag! - Die Arme jauchzend breit' ich,
Alleinz'ger ich, so weit mein Auge trägt!
Die Brust mit jedem Athemzug erweit' ich,
Die schon kein Schmerz, kein Jammer mehr bewegt.
Denn fließt nicht schon, balsamisch mich zu baden,
Rings um mich her die linde Morgenluft?
Umweht nicht schon von blühenden Gestaden
Süß tändelnd mich ein würzereicher
Duft?
Da kommen schon auf purpurfarb'gen Schwingen
Die muntern Vögel von dem nahen Strand,
Und horch! schon hör' ich ihre Stimmen klingen,
Vernommen nie und doch so wohl bekannt.
Sie lassen gastlich auf dem Schiff sich nieder
Mit Sang und Klang und süßer Melodie -
O seid gegrüßt, ihr Voten, meine Lieder!
Du Vogel Phönix, heil'ge Poesie!
So tauch' herauf, Atlantis meiner Träume,
Die sich mein Herz zu sicherm Ziel erkor!
Schon dämmert fern, wie blaue Nebelsäume,
Dein heilig Eiland aus der Fluth empor:
Schon deine goldnen Gipfel seh' ich ragen,
Schon liegt, o schon dein gastlich offner Strand
Vor den entzückten Blicken aufgeschlagen - :
Den Anker werf' ich, donnre jubelnd "Land!"
Robert
Eduard Prutz . 1816 - 1872
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