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Gedichte
162 Bücher



Robert Eduard Prutz
Gedichte . 3. Auflage 1847



Pauline

1.

Es hat die Rose dich verklagt,
    Um dich zergrämt sie sich zu Tod,
Sie hat es der Nachtigall gesagt,
    Daß deine Wange rosenroth.

Die Nachtigall hat es der Nacht gesagt,
    Die arme Sängerin ist krank,
Sie hat dich bei der Nacht verklagt
    Um deiner Stimme süßen Klang.

Dem Himmel hat es die Nacht gesagt,
    Mit ihrer ganzen Sternenschaar
Hat sie beim Himmel dich verklagt,
    Daß schwarz wie Nacht dein Lockenhaar.

Der Himmel hat es dem Meer gesagt,
    Er will sich kleiden schwarz und grau,
Beim Meere hat er dich verklagt
    Um deine Augen himmelblau.

Das Meer hat es dem Stein gesagt,
    Mit dumpfem Murren zog's daher,
Beim Steine hat es dich verklagt,
    Daß du so falsch bist, wie das Meer.

Der Stein hat es dem Baum gesagt,
    Er meint, es wäre gar nicht fein,
Und hat beim Baume dich verklagt,
    Daß du ein Herz hast, hart wie Stein.

Der Baum zuletzt hat mir's gesagt,
    Hoch aus dem Blüthenwipfel her
Hat leise flüsternd er geklagt,
    Daß du verwelken mußt, wie er.

Nun, Liebchen, hab' ich's dir gesagt,
    Du aber hörst ja nicht auf mich;
Doch hab' ich nirgend dich verklagt:
    Denn ach! du weißt, ich liebe dich!


2.

Sei gegrüßt, o Frühlingsstunde,
    Sei gegrüßt, o Maienpracht!
Da die Blumen blühn im Grunde
    Und die goldne Sonne lacht.
        Horch, in allen Zweigen
            Fröhlich Singen,
            Lustig Klingen!
            In den Lüften,
            In den Klüften,
        Ueberall welch muntrer Reigen!
    Ja der Frühling ist gekommen:
            O willkommen
    Du mit holdem Liederschall,
    Frühlingsbote, Nachtigall!

Solche süße Frühlingsstunde
    Kam in meiner Seele Nacht,
Seit aus ihres Auges Grunde
    Sonne mir und Leben lacht.
        Aber doch welch Schweigen,
            Welches Sehnen,
            Welche Thränen?
            Ja, dies Bangen
            Und Verlangen,
        Ach, ist das der Liebe eigen?
Ist die Liebe doch gekommen:
            O willkommen,
    Stimme an den süßen Klang,
    Liebesbote du, Gesang!


3.

Ich will's dir nimmer sagen,
    Wie ich so lieb dich hab',
Im Herzen will ich's tragen,
    Will stumm sein wie das Grab.

Kein Lied soll dir's gestehen,
    Soll flehen um mein Glück:
Du selber sollst es sehen,
    Du selbst - in meinem Blick.

Und kannst du es nicht lesen,
    Was dort so zärtlich spricht,
So ist's ein Traum gewesen:
    Dem Träumer zürne nicht!


4.

In Wasser hast die Rose du gesetzt,
    Die ich dir gestern Abend hab' gebracht,
    Und heut schon hat die Knospe sich erschlossen!
Ach, meine Liebe hab' ich wohl genetzt
    Mit tausend Thränen früh bis Mitternacht,
    Und dennoch will mir keine Blüthe sprossen.


5.

Wohl hunderttausend Thränen
    Hab' ich geweint um sie:
Doch Wasser löscht dies Sehnen,
    Löscht dieses Glühen nie.

Wohl höhnt mit kalten Blicken
    Mein Schatz mich unverwandt;
Doch kann kein Frost ersticken
    Des Herzens heißen Brand.

Ach! ist dies Feu'r zu zähmen
    Nicht Frost, nicht Wasser gut,
So müßt ihr Erde nehmen:
    Schwarze Erde dämpft die Gluth.


6.

Wohlan, ich will wandern,
    Wohlan denn, ich geh'!
Schatz, such dir 'nen Andern,
    Ich sag' dir Ade!
Mag länger nicht klagen
    Vergebliche Pein,
Mag's länger nicht tragen,
    Dein Narre zu sein!

Will wandern und singen
    Das Reich entlang,
Meine Leier soll klingen
    So lieblichen Klang:
Daß die Frauen mich grüßen
    - Du grüßtest mich nie!
Daß die Mädchen mich küssen
    - Dann küsse wie sie!

In Reim will ich bringen,
    Wie du mich gequält,
Daß die Knaben es fingen,
    Daß die Welt sich's erzählt.
Sie sollen dich hassen,
    Du eisernes Herz,
Sie sollen dich lassen
    In einsamem Schmerz!

Dann such' dir nur Einen,
    Der so treu ist, wie ich,
Und findest du Keinen -
    Schatz, rufe nur mich!
Wär' ich weit weg von dannen,
    Tausend Meilen von hier,
Will die Flüglein ausspannen,
    Will fliegen zu dir!

Will dich halten und küssen,
    O du liebliches Kind!
Und die Welt soll es wissen,
    Wie gut wir uns sind.
Schatz, laß mich nicht wandern,
    Nicht ziehen durch's Reich,
Du findst keinen Andern -
    O rufe mich gleich!


7.

(Das Mädchen spricht.)

Mond, hast du auch gesehen,
    Wie mich mein Schatz geküßt?
Frei muß ich dir gestehen,
    Daß mich das sehr verdrießt.

Auch weiß ich nicht, wie eben
    Es gestern Abend kam,
Ob ich ihn ihm gegeben,
    Ob er den Kuß sich nahm.

Du mußt's nicht weiter sagen,
    Ich bitte dich darum!
Wenn dich die Leute fragen,
    O lieber Mond, sei stumm! -


8.

Daß ich im Frühling scheiden soll,
    Das macht das Herz mir schwer;
Ich wär' nicht halb so kummervoll,
    Wenn's nur nicht Frühling wär'!

Allüberall ist Maienlust,
    Hell klingen Thal und Hain,
Ach, und allein in meiner Brust
    Wird's still und öde sein.

Wem soll ich klagen meine Pein?
    Die Rose blüht so roth,
Die Lerche wirbelt aus und ein -
    Wem klag' ich meine Noth?

Ach, soll's einmal geschieden sein,
    So sei's in Winterszeit:
Da tragen Lerche, Flur und Hain
    Mit mir dasselbe Leid.

Da klagen all' zusammen wir
    Um Ein entschwunden Glück,
Und alle träumen sie mit mir
    Von neuem Sonnenblick.

Und wenn die Rosen wieder blühn,
    Kehrt auch der Liebste dein:
Drum nicht im Frühling laß mich ziehn,
    Im Winter soll es sein!


9.

O Herz, du mußt dich fassen,
    Du hast's ja lang gewußt,
Mußt fliehen und verlassen
    Die süße Liebeslust!

Wohl hab' ich jeden Morgen,
    Wohl jede Mitternacht
Mit langem, bangem Sorgen
    An diesen Tag gedacht.

Wie, dacht' ich, willst du's tragen,
    Wenn es nun Scheiden heißt?
Wie, dacht' ich, willst du's wagen,
    Wenn Herz von Herz sich reißt?

Nun ist der Tag gekommen,
    Daß ich von dannen muß,
Der Abschied wird genommen
    Mit Einem flücht'gen Kuß.

Kein Wörtchen wird gesprochen,
    Wir schaun uns ins Gesicht:
O Herz, was soll dies Pochen?
    Herz, warum brichst du nicht?


10.

Wohl küßt' ich dir vom Rosenmunde
    Viel süße Küsse sonder Zahl,
Und dachte nicht der bangen Stunde,
    Da ich dich küss' zum letzten Mal.

Nun wir den letzten Kuß uns geben,
    Ach! dünkt's dich nicht, du Engel mein,
Als wär's der erste Kuß im Leben?
    Und dieser soll der letzte sein?!


  Robert Eduard Prutz . 1816 - 1872






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