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Gustav Falke
Frohe
Fracht . 1. Auflage 1907
Der Reigen
Sechs Mägdlein schreiten streng hervor,
Rundwandeln mit Gesange,
Um jede Stirn ein Rosenflor,
Und blühend jede Wange.
Sie schreiten hin, sie schreiten her,
Ein anmutsvoller Reigen,
Und lassen dabei mehr und mehr
Die holden Stimmen schweigen.
Und jetzt zu dritt, und jetzt zu zweit,
Vertauschen sie die Rollen
Und fangen wie zur Sommerzeit
Die Hummeln an zu tollen.
Hier blitzt ein blütenweißer Saum,
Hier flügeln weiße Glieder,
So schwirren, wirbeln sie im Raum
Wie zornig auf und nieder.
Doch nach und nach besänftigt ruht
Dies aufgeregte Leben,
Bis aus der halberloschnen Glut
Sich neue Flammen heben.
Ein Ringen hebt, ein Haschen an:
Die Locken greift, die losen!
Und wer sich einen Raub gewann,
Zerreißt die armen Rosen.
Die eben noch ein Haupt bedeckt,
Verfallen nun den Füßen
Und müssen, in den Staub gestreckt,
Die Lust der Wilden büßen.
Zuletzt, welch Schauspiel ists, entzieht
Sich dem Geschick noch eine,
Wie die gehetzte Hindin flieht
Fünffach verfolgt die feine.
Doch ach, wer hält sein Kränzlein ganz,
Bestürmt von allen Seiten
Zerzaust muß auch der letzte Kranz
Von seinem Scheitel gleiten.
Dann aber jäh, wie traumentrückt,
Als ob ein Schreck sie bände,
Bestarren sie, halb hingebückt,
Die Untat ihrer Hände.
Eins nach dem ändern hebt sich leis,
Wie unter wehem Schauer,
Und stiehlt sich aus der Schwestern Kreis,
Ein rührend Bild der Trauer.
Gustav
Falke . 1853 - 1916
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