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Gustav Falke
Frohe
Fracht . 1. Auflage 1907
Die Mordeiche
"Du trägst nach lachenden Lippen Lust
Und blühendem Leib Begehr?
Ich still dirs!" - Sein Dolch küßt des Junkers Brust.
Ein Schrei - und keiner mehr.
Kein Vogel sah es, kein Stern überm Sumpf,
Der Abend war frostig und fahl.
Die alte Eiche nur rauschte dumpf,
Als träfe sie selber der Stahl.
Ein Gurgeln und Quirlen. Der schwarze Morast
Schließt sich, ein schweigender Schoß.
Was zerrt ihn am Rock? Nichts. Nur ein Ast.
Auftaumelnd reißt er sich los.
Der Weg zu Bett und Braut war frei,
Die süßeste Buhle lacht.
Doch immer gellt ihm der Todesschrei
Hinein in die holdeste Nacht.
Und ein Rauschen summt ums gefolterte Ohr,
Wie ums faulende Aas das Geschmeiß.
Das ist die alte Eiche am Moor,
Die alles sah und weiß.
Und ob er an der Liebsten Mund
Sich noch so fest gehängt,
Es reißt ihn weg zu jeder Stund,
Wenn ihn der Schrei bedrängt.
Und ob ihr Busen noch so warm,
Wenn die Eiche rauscht und ruft,
Ihn hielte nicht der Frau Venus Arm,
Ihn hielte nicht Grab und Gruft.
Den schlimmen Weg zum schlimmen Ort
Zwingts ihn hin mit Höllenfaust.
Wohin? Was solls? Was suchst du dort?
Er geht, wie sehrs ihm graust.
"Es gellt der Schrei, es rauscht der Baum.
Nicht länger ertrag ich es mehr.
Es macht mir meinen Tag und Traum
Und jeden Kuß mir schwer."-
Hell blinkt der Mond, die Axt blinkt hell,
Laut schallt es durch Moor und Haag.
"Das war ein Hieb! Sput dich Gesell!
Ich wart auf den letzten Schlag."
Es blinkt die Axt, es bebt das Moor,
Die Eiche ächzt und knarrt.
Da gellts ihm ans Ohr, da gurgelts im Moor,
Das fiebernde Blut erstarrt.
Da steigts aus dem Schlamm, steigt - steigt,
Wächst weiß ins weiße Licht.
Er sieht nicht, wie der Baum sich neigt,
Stiert bleich in ein bleiches Gesicht.
"Zur Seite, Herr! gebt acht! sie fällt!"
Ein Rauschen dumpf und schwer.
Zwei brechende Knie, zerschmettert, zerschellt,
Ein Schrei - und keiner mehr.
Gustav
Falke . 1853 - 1916
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