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Hugo Salus
Gedichte
. 1. Auflage 1898
Der Freundschaftsaltar
Das Schicksal will nicht, daß die Maid,
Die dir ergeben ist für's Leben,
Zur Gattin sei von dir gefreit;
Du sollst den Liebesschatz nicht heben.
Und in dem letzten Augenblick,
Bevor es ging ans böse Scheiden,
Erschien das ganze blüh'nde Glück,
Das sterben sollte, vor euch beiden.
Da schwurt ihr euch, was Liebe war,
Das solle ewige Freundschaft werden:
Das ist nicht neu und wunderbar,
Geschieht wohl jeden Tag auf Erden.
Nun kommst du fragend, und ich kann
Und will Bescheids mich nicht entheben,
Ob zwischen Weib und zwischen Mann
Es reine Freundschaft könne geben.
In Pästum stand einst ein Altar,
Geweiht der Liebe ohne Gluten,
Der Freundschaft, rein und makelbar,
Die frei von wilder Sinne Fluten.
Sonst opferten nur Freunde hier,
Die hergeeilt zum Freundschaftsstädtchen:
Doch einmal bracht' den Opferstier
Ein Jüngling und ein schönes Mädchen.
Der Priester schüttelte das Haupt,
Ließ zum Altar das Opfer binden;
Doch furchtbar hat der Stier geschnaubt,
Da man das Feuer wollte zünden.
Er bäumte sich mit Riesenkraft
Und stemmte sich mit seinen Flanken,
Und, wie vom Sturmwind weggerafft,
Die starken Ketten von ihm sanken.
Der grimme Stier war aufgewacht,
Da er für Freundschaft sollte sterben,
Und vor der ungezähmten Macht
Der Altar sank in Staub und Sterben.
Ein Stück der Ketten sieht man noch
In Pästum, schwer und nicht zu heben. -
- Was für ein Träumer bin ich doch
Und sollte ernste Antwort geben!
Hugo
Salus . 1866 - 1929
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