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Hugo Salus
Gedichte
. 1. Auflage 1898
Der Kaiser
Zweifarbige Fahnen flattern durch die Luft,
Von Reisigranken, voll mit Waldesduft,
Prangt jedes Haus, und Blumen aller Orten.
Geputztes Volk strömt durch die Ehrenpforten,
Die flaggenbunt vor dem Palaste prangen,
In dem das Land den Kaiser will empfangen.
"Er kommt, er kommt!" Und durch des Volkes Masse,
Das Hurra ruft, fährt hin der alte, blasse
Monarch. Nun steigt er aus dem Wagen...
Mich hat der Menge Strom zum Thor getragen,
Und wie das Herz auch einst in jüngern Tagen
Sich freiheitsdürstend aufgebäumt voll Glut,
Nun steh' ich da und lüfte still den Hut.
Der Kaiser! Welch ein Wort! Wie eine Wolke
Hängt's niederzwingend über all dem Volke,
Wie dunkler Kirchenschatten mich umweht
Des Kaisernamens heilige Majestät.
Nun steht er bei dem Thor. Zum erstenmal
Seh ich die Majestät. Sein Haupt ist kahl,
Die Augen, die berühmten, die gesprüht
Im Schlachtendonner, blicken ernst und müd,
Und schwer gebückt ist seine Heldgestalt:
Wie alt ist doch der Mann, wie alt, wie alt!
Und Mitleid faßt mich. Wie viel Sorgen trüben
Den Blick ihm unter seinen welken Lidern.
Des Nimbus Mantel fällt von seinen Gliedern:
Er ist ein Mensch! Ich kann den Kaiser lieben!
Hugo
Salus . 1866 - 1929
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