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Hugo Salus
Gedichte
. 1. Auflage 1898
Die Fliege
Als wir unter dem Trauhimmel standen,
Und das Gebrause der Orgel erklang,
Ward mir, umstrickt von der Weihe Banden,
Um meinen schönen Unglauben bang.
Und den Becher Weins in den zitternden Händen
Sprach der Priester zu uns mit gläubiger Glut,
Und der Widerhall klang von den schimmernden Wänden,
Und es duftete mild des Herren Blut.
Und mein Lieb neben mir, nun bald mein Eigen,
Mit Thränen seliger Freude im Blick!
Mein Herz ward fromm und begann sich zu neigen:
Du Gott, der du bist, erhalte mein Glück!
Da kam, von dem Dufte des Weines gezogen,
Die Weihe mir störend, mit lautem Gebrumm
Eine kühn atheistische Fliege geflogen,
Und flog um den goldenen Becher herum.
Und flog mit Surren und Schnurren und Summen
Um die Nase des Priesters und um den Wein,
Und flog mit ihrem höhnenden Brummen
In des Priesters schönste Sentenzen hinein.
Mein Glauben versank, kaum, daß er erstanden,
Mein Herz ward frei, frei ward mein Blick,
Und ich hörte, befreit von den mystischen Banden,
Zu den Worten des Pfaffen der Fliege Kritik.
Hugo
Salus . 1866 - 1929
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