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Hugo Salus
Gedichte
. 1. Auflage 1898
Die Glocken
Der Staat verzeiht; die starke Kirche nie!
Der Freiheitsheld, verflucht und ausgestoßen,
Wie auch sein Volk nach ihm in Nöten schrie,
Ein Ketzer, der er war, blieb er verstoßen!
Der Aar der Freiheit aber, aufgescheucht
Aus träger Ruh, erhob die mächtigen Schwingen,
In seinen Krallen, noch vom Blute feucht,
Dem Volk das grüne Palmenblatt zu bringen.
In fernen Landen, wo er sterbend lag,
Der große Kämpfer, der die Freiheit weckte,
Vernahm er lächelnd ihren Flügelschlag,
Indes ihn schon des Todes Schatten deckte.
Worum er litt und was in Not und Flucht
Ihn trieb, was er erhofft im Traume,
Das hing nun endlich als die reife Frucht
Am jungen Morgen an des Lebens Baume.
Der König schickt um ihn. Es ist zu spät!
Nun kommt sein Leichenwagen durch die Gassen,
Durch die sein rotes Banner einst geweht;
Und hinterdrein des ganzen Volkes Massen.
Der König kann verzeihn. Die Kirche nicht!
Und führt der Kanzler auch den düstern Reigen,
Der Tote war ein Ketzer und ein Wicht:
Kein Priester schreitet mit. Die Glocken schweigen.
So kommt der stille Zug die Stadt entlang.
Kein Kreuz, von mystischem Weihrauchduft umflossen,
Kein Psalm, kein Glockenklingen, dumpf und bang.
Das stolze Thor der Kirche bleibt geschlossen!
Ein Volk in Thränen: Er, der alles litt,
Um uns den Weg zum hellen Tag zu zeigen,
Der uns das Heil, das Elend sich erstritt,
Sein harrt kein ehrlich Grab! Die Glocken schweigen!
Da faßt ein Weh, verzehrend, riesengroß
Des Volkes Herz: Empörte Männerblicke,
Es stockt der Zug; ein Schrei der Wut, ein Stoß,
Und krachend stürzt das Klosterthor in Stücke.
Ein kurzer Kampf im Kloster; wirre Flucht
Verfolgter Mönche; Blut auf Marmorgrüften;
Im Sturm zum Glockenturm; und nun mit Wucht
Dröhnen die zornigen Glocken in den Lüften.
Derselbe wilde Kampf um jeden Turm,
Derselbe Sieg. Ein Brausen und ein Beben,
Ein donnernder Orkan, ein Glockensturm,
Das Jauchzen eines Volks. So schloß sein Leben.
Hugo
Salus . 1866 - 1929
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