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Hugo Salus
Gedichte
. 1. Auflage 1898
Die Spinne
Zwischen die gekreuzten Klingen
Über meinem kargen Pfühl
Hängt' ich, unfroh längst, zu singen,
Mein verliebtes Saitenspiel;
Meine stillgewordne Laute,
Der ich in bewegter Zeit
Meine Sehnsucht anvertraute
Und des Herzens Liebesleid.
Rost zerfraß der Schläger Schneiden.
Eine Spinne, grämig grau,
Webt sich emsig zwischen beiden
Ihres Netzes Wunderbau.
Von der einen zu der andern,
Gleich dem Seiler, zeitlich früh
Seh' ich sie schon spinnend wandern,
Und noch niemals stört' ich sie.
Aber heut', da durch die Läden
Hell die erste Sonne fiel,
Sah ich sie die kühnen Fäden
Zieh'n auch zu dem Saitenspiel.
Da empört' ich mich: "Beizeiten
Halte ein! Sei nicht zu kühn!
Meiner Jugend lyrische Saiten
Laß ich grau nicht überziehn!
Du, in des Vergessens Dienste
Ernste Weberin, umhüll,
Was du willst, mit dem Gespinste:
Vor der Leier halte still!"
Hugo
Salus . 1866 - 1929
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