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Hugo Salus
Gedichte
. 1. Auflage 1898
Don Roué
Er ist nicht schlecht, der edle Don Roué,
Ihr seid ihm, dünkt mich, etwas neidische Richter,
Beseht ihn euch, wie ich, nur in der Näh:
Er ist ein Träumer, sag ich, fast ein Dichter.
"Er hat die schönsten Frau'n der Stadt verführt,
Bei hundert Mädchen mit verruchten Küssen
Die wilde Glut der Sinne aufgeschürt,
Daß sie ihr Leben lang dran glauben müssen."
Das geb' ich zu; und doch verführt er nie,
Um zu verführen; nie aus niederm Triebe!
Ihn reizt der Liebeleien Poesie
Und lockt das lyrische Beiwerk junger Liebe:
An Sommertagen an des Waldes Rand
Mit einem duftigen Kind im Gras zu liegen,
Das, Blumen auf dem Hut und buntes Band,
Im hellen Kleidchen zittert vor Vergnügen;
Oder im Winter, wenn es draußen tost,
Vor dem Kamin bei einer Frau zu sitzen,
Die, während sie sein lockig Haupt ihm kost,
Ihn leis berührt mit der Pantoffel Spitzen.
Der Duft des Weib's, der unbeschreiblich ist,
Des Busens Wogen unterm engen Mieder,
Das Schauspiel des Errötens, wenn er küßt,
Und sich der Vorhang senkt der matten Lider:
Dies Vorspiel ist ihm Handlung, Inhalt, Schluß;
Dies Schmachten, Blicke senden, Hände pressen,
Der halb verwehrte, halb gewährte Kuß,
Dies Kosten von der Tafel, nicht das Essen!
Ist's seine Schuld, wenn, allzurasch verkürzt,
Die Tändelei in tolle Lust sich wendet,
Wenn sich der Stier brutal auf Venus stürzt,
Und das Idyll als wüste Orgie endet?
Hugo
Salus . 1866 - 1929
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