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Hugo Salus
Reigen
. 1. Auflage 1900
Der Abendreigen
Da nun der Tag in die Weiten ging,
Und ein milder Abend sie umfing,
Und rot die Häupter der Berge erglühten,
Und die ersten Sternlein am Himmel erblühten:
Da war den schlichten Liebespaaren,
Als hätten sie nie einen Abend erfahren,
Ihnen war, sie wußten selbst nicht, wie.
Die groben Hände falteten sie,
Als wollten sie just in die Kirche treten:
"Laßt uns zur Mutter Gottes beten."
Als solches die Mutter Gottes ersah,
Sprach sie mild zur heiligen Cäcilia:
"Die Wandrer da unten, sie irren sich;
Sie rufen mich und meinen dich.
Sie wissen nur nicht, wie ihnen geschehn,
Seit sie in den heiligen Abend gehn,
Daß ihnen die Herzen so feierlich schlagen.
Du sollst ihnen deine Wunder sagen!"
Da löste sich von dem Wolkenrand,
Drauf sie auf zarten Füßen stand,
Und schwebte mit lächelnder Gebärde
Die heilige Cäcilia nieder zur Erde.
Und ihr Flügelschlag streifte die Paare im Schweben
Und löst ihre Lippen und läßt sie erbeben;
Und ihre Seelen wuchsen empor
Und einten sich jubelnd zu einem Chor,
Und über der Felder träumendes Schweigen
Klang glücklich ihr klingender Abendreigen.
Hugo
Salus . 1866 - 1929
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