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Insichversunkene Lieder im Laub
162 Bücher



Max Dauthendey
Insichversunkene Lieder im Laub . 1. Auflage 1911



Das weiße Volk der Sommerwolken

Das weiße Volk der Sommerwolken
Steigt in den breiten Fensterrahmen.
Gestalten, die verhext wie aus Gehirnen kamen
Und keine Hand kann sie mehr halten,
Sie wachsen über Bergen sich zusammen.
Wie ein dämonisch Schauspiel ist ihr Wandern,
Sie hängen wie auf blauer Bühne oben,
Sind Puppen in den Händen eines Andern
An Schnüren unsichtbar zum Spiel geschoben.
Sind Masken, die Gesichter wild verkappen.
Sind Blinde, die im blauen Dunkel tappen.
Gewänder, deren Falten mit Grimassen
Verborgne Leidenschaften ahnen lassen,
Mit weiten Gesten durch die Lüfte streichen.
Sind Komödianten, die im Liebesspiel erglühen
Und sind Tragöden, welche jäh erbleichen.
Als baut das Menschenherz sich Allgewalten
In's Blau hinaus, sind Fäuste, die sich ballten.
Als sind da Flüche, die nicht mehr zu zähmen,
Heere von Wünschen, die Gestalten gern bekämen.

Und alle Wolken tragen helle Stirnen,
Sie stehen grübelnd oft auf einer Stelle
Und sind gedankenvoll im Weitergehen
Und suchen ihren Tod zur Tiefe wie die Welle.
Und neu steigt Wolk' um Wolke auf als Riese,
Als riefe sie ein Stichwort in das Blau.
Herein schiebt Landschaft sich und Bergkulisse
Hoch in den endlosen Theaterbau.
Schon viele Helden auf der Bühne fielen,
Doch niemand sah den Anfang noch das Ende
Von jenen wolkengroßen Puppenspielen.
Jahrhunderte sie schon in Szene gehen;
Wir, welche zuschau'n müssen All' ergrau'n
Und sterben über'm Sehen.


  Max Dauthendey . 1867 - 1918






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Das weiße Volk der Sommerwolken, Max Dauthendey